Die fremde Frau

Klara und ihre Familie, ca. 1933


Dies ist ein sehr persönlicher Text. Ich habe ihn am 20. Juli verfasst und zunächst unter Passwortschutz veröffentlicht und Feedback von meiner Familie und Freunde dazu eingeholt, bevor ich ihn freigeben konnte. Danke für eure ermutigenden Rückmeldungen. Was ich mit diesem Text erreichen will, ist kein Seelenstriptease, sind keine Anschuldigungen; ich möchte vielmehr auch andere dazu ermutigen, sich mit dem eigenen Familiensystem auseinander zu setzen und das innere ‚Fotoalbum‘ zu öffnen. Ein Literaturtipp dazu: „Wir Kinder der Kriegskinder“ von Anne-Ev Ustorf.

Meine Cousine hat geheiratet. Sie ist die Tochter der Schwester meines Vaters und lebt in Niedersachsen. Lange Zeit hatten wir keinen Kontakt und ich freue mich, dass wir dennoch nun gemeinsam diesen ganz besonderen Tag feiern können.

Hochzeit, das klingt nach Familienfeier. Nach Wiedersehen, nach gemeinsamen Geschichten, nach einem Blick nach vorne wie auch zurück. Nur dass ein Teil meiner engsten Verwandtschaft da ist, der mir fremd ist. So fremd, dass ich sie nicht als das ansprechen kann, was sie ist, sondern nur mit ihrem Vornamen: meine Großmutter, Klara.

Was ich über sie weiß: Klara wurde 1930 als eines von vielen Geschwistern in einem Dorf in der Nähe von Hildesheim geboren. Ihr Leben ist von Armut, Arbeit auf dem Hof und Gewalt durch ihre eigenen Eltern gezeichnet, als sie meinen Großvater kennen lernt und heiratet, mit ihm auf seinen Hof zieht und meinen Vater und seine Schwester zur Welt bringt. Die Gewalt, die sie selbst erfahren hat, die gibt sie weiter an meinen Vater, an ihren Mann, an meine Urgroßmutter Anna, nach der ich benannt wurde. Sie ist unbeliebt im Dorf, gängelt ihre Familie und auch heute noch eilt ihr nicht gerade ein liebevoller Ruf voraus.

Was ich von ihr weiß: Nichts.

Klara und ich, wir kennen uns nicht. Als ich Kind war, waren wir einmal im Jahr bei ihr und meinem inzwischen verstorbenen Großvater. Ich erinnere mich an wenig Herzliches. Die wenigen Male, die ich sie gesehen habe, als ich erwachsen wurde, spielen sich in der nach eingekochtem Kohl riechenden Küche ihres Hauses ab; sie fragt nicht, wie es mir geht, sie beginnt direkt davon zu erzählen, was in der Nachbarschaft los ist, wer den Hof verloren hat, wer wen verlassen hat usw. Das ist so weit verzeihlich, wenn man weiß, dass sich in ihrem Leben sonst nicht mehr viel zu ereignen scheint. Was ich ihr nicht verzeihe: Sie hat nicht nur meinem Vater ein schweres Leben gemacht, sondern mich selbst immer wieder zu der Frage gebracht: Was trage ich eigentlich von ihr in mir?

Was ich von ihr offensichtlich habe: ihre Oberarme. (Die Waden habe ich von meiner Familie mütterlicherseits, das ist geklärt. Und gottlob habe ich auch nicht die Hakennase der weiblichen Familienmitglieder aus ihrem Clan geerbt.)

Was ich hoffentlich nicht von ihr habe: ihr Desinteresse daran, wie es Menschen wirklich geht.

Vor dem Standesamt begegnen wir uns. Sie geht gebeugt und am Arm meines Cousins. Ich gebe ihr die Hand, sage „Hallo Klara!“. Sie sagt: „Nun, wer soll das wohl nun wieder sein?“ – „Ich bin es, Anna, deine Enkelin.“ – „Ach.“

Klara ist nicht dement. Sie ist auch nicht verwirrt, wie sich später auf der Feier noch herausstellen wird. Sie hat einfach kein Interesse an mir. Vermutlich noch nie gehabt. Das tut weh.

Ich gehe ins Standesamt. Innerlich koche ich vor Wut, auch darüber, dass ich ihr niemals sagen werden kann, wie oft ich darüber nachdenke, ob ich irgendetwas von ihr geerbt habe, irgendetwas in mir trage, was mich eines Tages so scheußlich machen könnte wie sie. Ob ich mehr bin als das Produkt meiner Gene und dessen, was meine beiden Familienstränge geprägt hat. Doch ich gehe weiter.

Zwei Tage später bei der großen kirchlichen Hochzeit werden wir immer noch nicht miteinander gesprochen haben. Als ich mich von der Familie des Mannes meiner Cousine verabschiede, stehe ich etwa einen halben Meter hinter ihrem Stuhl. Kurz denke ich darüber nach, ihr die Hand zu reichen und mich zu verabschieden. Ich schaue auf sie. Und gehe weiter.

Postscriptum

Nach einem Telefonat steht nun fest: Ich bin Klara nicht egal. Sie verachtet meine Familie und mich für alles, was wir sind. Das ist vielleicht weniger schlimm als Gleichgültigkeit, aber schmerzt mich mindestens genau so.

Nur eines weiß ich nun sicher: Ich bin nicht wie sie. Denn Hass und Verachtung haben in meinem Herzen keinen Platz.

Interview in „kon’takt“ zu Jugendmedienschutz und Freiwilliger Selbstkontrolle

Ich habe kürzlich dem „kon’takt“-Magazin ein Interview zum Thema Jugendmedienschutz und meinem Ehrenamt bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft als auch der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gegeben, das ihr hier findet: http://www.uni-konstanz.de/broschueren/kontakt/08/

„kon’takt“ ist das Magazin der Universität Konstanz für ihre Alumni. Das Interview führte Jürgen Graf.

Meinten Sie… Molwanien?

„Mach‘ Urlaub!“ haben sie gesagt. „Fahr‘ ans Meer und erhol‘ dich!“ oder „Einen tollen Urlaub hast du dir jetzt verdient!“ haben sie auch gesagt.

„Moldawien?“ haben sie gesagt. „Wo liegt das denn?“ haben sie gesagt.

Dass ich ausgerechnet meinen wohlverdienten Post-Rigorosumsurlaub in einem Land verbringen werde, bei dem mir Google bei der Google-Suche stattdessen ein fiktives Land, das durch einen Fake-Reiseführer bekannt geworden ist, vorschlägt, hat überall Erstaunen ausgelöst. Nachdem ich mich aber durch Reiseportale und Co. geklickt hatte und darüber nachgedacht hatte, wen ich in meinem Freundeskreis schon lange nicht mehr gesehen hatte, war schnell klar: Moldawien it is und mein ehemaliger Freiwilligendienstkollege M. und dessen Familie in Chisinau.

Meine Erwartung? Keine Erwartung. Mich auf Neues einlassen und meinen Horizont erweitern. (Und gut essen. Klar.)

Moldawien ist gar nicht so weit von uns entfernt; es liegt zwischen Rumänien und der Ukraine, hat 3,4 Millionen Einwohner und seit dem Tage an dem ich am Flughafen in Chisinau landete auch keinen Regierungschef mehr, angeblich zurückgetreten weil sein Schulabgangszeugnis gefälscht sei. Womit wir beim ersten ‚Vorurteil‘ angekommen wären: Moldawien ist politisch „interessant“ weil korrupt bis in die Haarspitzen. Der Journalist Julian Staib schreibt dazu: „Die Republik Moldau belegt im Corruption Perception Index der Nichtregierungsorganisation Transparency International Rang 94 von 176. Im Krankenhaus werde man nicht einmal untersucht, wenn nicht Geschenke oder Geld mitgebracht würden, erzählen viele. An den Universitäten ließen sich Scheine oder gar Abschlüsse kaufen.“ Als M. mich mit seinem Auto vom Flughafen abholt und wir auf der Straße nach Chisinau fahren, sehen wir links und rechts der Fahrbahn im 30-Meter-Abstand riesige Wahlplakate für die am Wochenende des 13./14. Juni angesetzten Lokalwahlen. Und zu jedem Gesicht, das mich von den Plakatwänden anlächelt, kann M. mir sagen, wie viele Millionen oder Milliarden der oder die Kandidat_in bereits hinterzogen hat. Was natürlich auch bekannt ist. Macht aber nichts, denn die Kandidat_innen genießen während des Wahlkampfes Immunität. Wie praktisch.

Moldawien ist nach der Auflösung der Sowjetunion erst seit 1991 ein eigenständiger Staat, was jedoch zunächst kein Ende der Konflikte zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen bedeutete. Im Krieg um die Provinz Transnistrien verloren über 1000 Menschen ihr Leben – nichtsdestotrotz ist Transnistrien seit 1992 de facto unabhängig, wenngleich es in dieser Eigenständigkeit von keinem anderen Staat der Welt anerkannt wird und die Russische Föderation dort seitdem bewaffnete Einheiten stationiert hat. Und hier wird es auch mit Blick auf die oben genannten Wahlen spannend: Während wohl etwa die eine Hälfte Moldawiens pro-europäisch eingestellt ist und den Blick nach Rumänien und weiter westwärts richtet, ist die andere Hälfte pro-russisch eingestellt. Geopolitisch wird sich dies in nächster Zeit in eine interessante Richtung entwickeln, da die NATO plant, Truppen im östlichen Rumänien zu stationieren, sich aber russische Truppen in Transnistrien befinden – und geographisch gesehen nur Moldawien zwischen einem bewaffneten Konflikt zu stehen scheint. Diese kleine unbekannte osteuropäische Republik könnte so unter Umständen vielleicht nicht unbedingt zu einem eigenen deutschsprachigen Lonely Planet kommen, wohl aber ins Interesse europäischer Verteidigungspolitik gelangen.

„Und, wie ist Moldawien so?“ fragen sie.

Mir fällt es schwer, eine eindeutige Antwort darauf zu geben, denn ehrlicherweise hat mich in Moldawien nichts außer der herausragenden Gastfreundschaft von M. und seiner Familie sowie seiner Kollegin J. wirklich umgehauen. „Schön“ fand ich die Kirschbäume, die gerade satt ihre roten Früchte tragen und mich dazu innerlich verleiten wollten, in Nachbars Garten einzusteigen und auf den Baum zu klettern um Kirschen zu klauen. „Interessant“ fand ich die alte Stadt- und Klosteranlage in Orhei Vechi, die wohl bald zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt werden soll. „Rührend“ fand ich die pittoresk anmutenden dicken Bäuerinnen mit Kopftuch, die auf dem russischen Markt die süßesten Stachelbeeren überhaupt aus weißen Blecheimern verkauften. „Lecker“ waren die Krautwickel und das Kartoffelbrot. „Erstaunlich“ (und „pfeifend kalt“) die 250km unterirdischen Weinkellers, in dessen Degustationsraum die Porträts dreier besonders prominenter Gäste an der Wand hängen: Michel Platini von der UEFA, der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter und (*trommelwirbel*) Steven Seagal, der Altmeister schlechter Actionstreifen. „Bezaubernd“ die alten Herren und Damen, die sonntags im Park zu den scheppernden Klängen einer Blaskapelle Polka und finnischen Tango tanzten. „Erfreulich“, dass es überall gratis WLAN gibt.

Kurzum: Ich hatte eine tolle Zeit. Doch sicherlich nicht, weil ich einem Reiseführer gefolgt bin oder den wohlgemeinten Tipps im Netz oder von Freund_innen, sondern weil ich mich darauf eingelassen habe, vielleicht auch einfach gar nichts Neues und Aufregendes zu erfahren. Darum würde ich mich jetzt auch schämen, wenn ich sagen würde, dass Moldawien langweilig ist, sondern mich eher an die Headline eines Artikels auf der englischsprachigen Lonely-Planet-Seite halten: „Moldova: embracing its status as Europe’s least-visited country“. Es gibt also eher noch viel zu Entdecken und zu Erobern, weshalb ich sage: „Moldova, a revedere!“ Wir sehen uns sicher bald wieder.

PS: Ach ja, woher ihr Moldawien auch kennen könntet: 2011 traten in Düsseldorf „Zdob și Zdub“ für Moldawien an – mit kegelförmigen Hüten auf dem Kopf und auf Einrädern. Der Hammer.

PPS: Und wie ihr vielleicht wisst, hasse ich es zu fotografieren. Darum hier nur so verschwommenes Zeugs. Für den Eindruck, ne.

PPPS: Ein Riesendank an meine fantastischen Gastgeber_innen!!

Kartoffelbrot und Bohnenmus und saure Gurken. I <3 moldawisches Essen :)

Kartoffelbrot und Bohnenmus und saure Gurken. I ❤ moldawisches Essen 🙂

Polkasonntag im Park in Chisinau

Polkasonntag im Park in Chisinau (mein Papa wäre entzückt!)

Es ist leider nur rot gefärbtes Wasser. Ich hab's ausprobiert.

Es ist leider nur rot gefärbtes Wasser. Ich hab’s ausprobiert.

Millionen Flaschen Wein aus ganz Moldawien

Millionen Flaschen Wein aus ganz Moldawien

Und mein großes Film-Vorbild Steven Seagal war auch hier.

Und mein großes Film-Vorbild Steven Seagal war auch hier.

Containerschiffe. Eine Liebeserklärung.

containerschiff

Bitte zum Lesen diesen Song anhören: https://www.youtube.com/watch?v=ADJdDgsFJLM

________________________________________________________________________________

„Sieh, da fährt ein Schlepper raus“, sagt Annette, während wir am Elbstrand sitzen und auf die Docks schauen. „Der holt gleich ein großes Schiff in den Hafen.“ Ich nehme noch einen Schluck Weißwein, lehne mich zurück und lasse meinen Blick auf dem Wasser wandern. Eine Stunde später wird es unruhig am Strand, alle starren gespannt Richtung Meer – und dann kommt er. Ein schwarzer Riese, voll beladen mit Containern, gezogen vom kleinen Schlepper, der ihn nahezu lautlos die Elbe hinauflotst. Erst sehen wir nur den Bug. Den Schriftzug, den Namen des Riesen. Er gleitet, er gleitet tonnenschwer, er bedeckt den Horizont, ist nicht zu ignorieren und doch so geheimnisvoll. Wo kommt er her? Was hat er auf seinen Reisen erlebt? Was hat er an Bord? Was versteckt sich in den bunten Containern, die in der Hamburger Abendsonne nicht glänzen wollen, sondern sie mit einem farbenfroh-stumpfen Mosaik ergänzen?

Meine große Liebe: Containerschiffe. Ob Buenos Aires, Valparaíso, San Antonio oder Hamburg: Bin ich am Meer, kann ich stundenlang dabei zuschauen, wie sie beladen oder gelöscht werden, wie ihr Bauch Unmengen an Containern schluckt – und sie doch nicht preisgeben, was sich in ihnen verbirgt noch wohin sie sie bringen. Sie sind so sichtbar, so unhintergehbar, und zugleich fliegen sie mit einer stillen Leichtigkeit über das Wasser, die mich vergessen lässt, welch technologische Leistung dahinter steckt, Tausende von Tonnen sicher über die Weltmeere zu bringen. In einer Zeit, in der Daten und Waren in gefühlten Sekundenbruchteilen um die Erde reisen, dabei unsichtbar werden und meinem Blick entgleiten, meinen Händen entfliehen, meinen Verstand überfordern – in dieser schnellen Zeit machen diese eisernen Riesen Vieles sichtbar: Distanz, Raum, Masse, Zeit. Der weite Weg, für den sie bestimmt sind, das Wissen um die Möglichkeit, Kontinente über Wasser miteinander zu verbinden, der Glaube an die unfassbaren Mächte und Kräfte der Natur und die dazu nahezu geheimnisvolle Stille ihrer Bewegung im Raum.

Gisbert zu Knyphausen singt von den Containern, die zum lauten Gepolter des uralten Frachters (oder das seines eigenen Herzens?) in den hungrigen Schiffsbauch fallen. Ohne Herkunft und ohne Ziel, ohne Gewissheit. Auf der endlosen Suche nach dem Licht, wenn sie gelöscht werden und wieder aus der Schwärze des Schiffes auftauchen.

Mein Herz, das poltert auch.

Kultur braucht Teilhabe! Zur Schließung des Scala-Kinos in Konstanz

Gestern (18. Mai 2015) erschien ein Artikel im Südkurier bzw. auf SüdkurierOnline, der nicht nur schnell in meiner Facebook-Timeline für Aufregung sorgte, sondern nun auch Petitionen und Solidaritätsbekundungen anderer Kinos folgen ließ: Das Scala-Kino (eröffnet 1954), neben dem Zebra-Kino in Konstanz das letzte Programmkino, soll einer weiteren Baumaßnahme in der Konstanzer Innenstadt weichen und das Haus an der Marktstätte, das bisher das Kino und das Café mit dem besten Birchermüsli der Stadt beherbergt, soll in einen weiteren ‚Shoppingtempel‘ umgebaut werden.

Titelt der Südkurier schon gar nur noch schulterzuckend „Schon wieder verschwindet ein Stück altes Konstanz“, so drückt sich in dieser Überschrift auch die inzwischen verbreitete und nahezu fatalistische Haltung vieler Konstanzer_innen, besonders junger Menschen, gegenüber der Kommunalpolitik des schönen Städtchens am Bodensee aus: Konstanz ist ein beliebter Ort für Touristen aus aller Welt, besonders aber für unsere Nachbar_innen aus der Schweiz, die aufgrund der günstigeren Preise im Einzelhandel den Weg über die Grenze finden. Dass Tourismus und Einzelhandel für eine Stadt wichtig sind, steht dabei außer Frage. Nichtsdestotrotz ist in den letzten Jahren deutlich geworden, dass dies für Konstanzer_innen auch viele Probleme mit sich bringt: verstopfte Straßen, hohe Mieten, Konflikte um das sogenannte „Glasverbot“ am Seerhein und eine diskutable Sperrstunde im Innenstadtbereich lassen danach fragen, wie wichtig manchen Akteur_innen in Politik und Wirtschaft die Attraktivität der Stadt für ihre eigenen Bewohner_innen ist. Mitsprechen wollen und dürfen? Lohnt sich angeblich nicht, da viele junge Mensche nach drei bis fünf Jahren Konstanz wieder verlassen. Doch drei bis fünf Jahre sind drei bis fünf Jahre Teilhaberecht und Mitbestimmungspotential für die Gestaltung urbanen Lebens.

Und nun auch noch das Scala-Kino. Man könnte auch hier erneut schulterzuckend sagen, dass es ja noch das breit aufgestellte Cinestar-Multiplex-Kino in der Innenstadt und das absolut großartige ehrenamtlich bewirtschaftete Zebra-Kino auf dem Chérisy-Gelände gibt und somit das Angebot für Konstanzer_innen als auch für Gäste von außerhalb abgedeckt sein könnte. Ich selbst könnte mit den Schultern zucken und sagen, dass mich das nichts mehr angeht, weil ich nach über 10 Jahren nun aus Konstanz weggezogen bin. Aber als Kultur- und Teilhabe-Fan, als Filmliebhaberin und auch als mitteljunger (*räusper*) Mensch bin ich angesäuert bis erstaunt, dass den Menschen in Konstanz, die dort leben, studieren und arbeiten und eben auch ein Recht auf ein breites Kulturangebot verschiedener Akteur_innen haben, zugunsten wirtschaftlicher Interessen weiterhin und keineswegs schleichend der kulturelle Boden unter den Füßen weggezogen wird. Theater, Konzerte, Kino – für u.a. 15.000 Studierende gehört das neben der Kneipen und Bars und neben H&M und Co. zu einem reichhaltigen Angebot und aus meiner Sicht auch zu einem tiefergehenden (Selbst-)Bildungsverständnis dazu. Wenn Konstanz sich dank Konzil und Uni weiterhin als Bildungs-, Kultur-, Technologie- und auch als familienfreundlichen Standort bezeichnen will, dann muss sich neben dem bereits mit allgemein sehr guten Vorschlägen sich in die Debatte gebrachten Jungen Forum Konstanz nicht nur eine diskussionsbereite politische Kultur entwickeln, sondern auch ein höhere Bereitschaft zu gesellschaftlicher Teilhabe (und damit auch zum Unbequem-Sein – das sind Konstanzer_innen eigentlich weniger gerne) und deren Wertschätzung durch jene, die Stadtplanung und -gestaltung maßgeblich voranbringen. Im Falle des preisgekrönten Scala-Kinos und seinen engagierten Betreiber_innen muss nicht nur der Gemeinderat, sondern auch die Konstanzer Bevölkerung Stellung beziehen.

So wird es mit einer Online-Petition nicht getan sein. Es geht um einen Einsatz für Kultur im urbanen Raum, der kein Schulterzucken zulässt. Es geht um friedlichen Protest und um aktive Teilhabe am kulturellen Leben. Und es wird um die unbequeme Frage gehen, die sich in vielen deutschen Städten bereits stellt: Wem gehört eigentlich die Stadt?

Rigorosum of Horror – der (vor)letzte Schritt zur Promotion*

by Jorge Cham (PhD Comics)

Morgen ist es so weit: Nach zehn Monaten des Wartens auf meine Dissertationsgutachten werde ich meine mündliche Doktorprüfung ablegen. Ich sage bewusst nicht „Ich werde meine Doktorarbeit verteidigen“ weil ich das nicht tue, sondern dank der fachspezifischen Bestimmungen meines Fachbereichs in Form eines Rigorosums, ferner einer Thesenprüfung geprüft werde. Keines der drei gewählten Themen hat mit meinem Dissertationsthema „Sozio-mediale Konstruktion von Behinderung. Das Fotoarchiv der Stiftung Liebenau“ zu tun und ich habe bereits im Juli 2014 die drei Themen in Gestalt von Essays beim Prüfungsamt eingereicht, zu denen ich morgen von meinen drei Prüfer_innen gegrillt werde. Auch (oder weil?) die Nervosität jetzt ins Unendliche steigt und ich mich beschäftigt halten muss, stelle ich euch hier kurz meine drei Thesen vor:

These 1: #aufschrei – ein Hashtag als Objekt medialer Partizipation

Der am 25.1.2013 von der Twitter-Userin @marthadear eingeführte Hashtag #aufschrei zur Kennzeichnung von Tweets über Erfahrungen alltäglichen Sexismus‘ hat in Deutschland eine politische Debatte losgelöst, die sich innerhalb weniger Stunden von Twitter in andere Online-Angebote und ebenso in traditionelle Massenmedien verlagert hat. Ein Hashtag wie #aufschrei kann somit als Objekt der Partizipation verstanden werden: Er ruft als eine sozio-technisch konfigurierte Praxis innerhalb der sogenannten Twitter-Community das Individuum als Subjekt zur Teilhabe an einer sich gleichsam konstituierenden Gemeinschaft auf, verhindert aber auch unter bestimmten Bedingungen die Teilhabe als auch die Nicht-Teilhabe, innerhalb als auch außerhalb von Twitter. Gleichsam lassen sich an dieser Praxis signifikante Unterschiede zwischen der medialen Logik von Twitter und traditioneller Massenmedien wie des Fernsehens aufzeigen.

These 2: Das Bildprogramm des Altarretabels der Jesuitenkirche von Córdoba zwischen Sakralkunst und Ordenspolitik

Die künstlerisch-architektonische Ausstattung der Jesuitenkirche in Córdoba (Argentinien), geweiht 1671, erfuhr in ihrer Geschichte zahlreiche Veränderungen, die in Zusammenhang mit sozialen und politischen Transformationen zu analysieren sind. Dies wird besonders in der Erneuerung des Bildprogramms des Hauptaltarretabels ab 1854 im Zuge der Rückkehr der Jesuiten nach ihrer Vertreibung im Jahre 1767 deutlich, das, so die These, dadurch das Spannungsverhältnis zwischen sakraler Funktion und politischer Bedeutungszuweisung widerspiegelt und so eine doppelte, vexierbildhafte Lesart hervorbringt.

These 3: Film-Bild und Kunst-Bild: Visuelle Diffusion in „Goya in Bordeaux“

„Goya in Bordeaux“ (R: Carlos Saura, E/I 1999) ist weniger als eine reine ‚Übertragung‘ des Lebens und Werkes des spanischen Künstlers Francisco de Goya in das Medium Film zu verstehen, sondern vielmehr als Reflexion des Verhältnisses von Film-Bild und Kunst-Bild und folglich eine Reflexion des Filmischen selbst als auch das der ihm inhärenten medialen Zwischenräume. Der Regisseur Carlos Saura legt dabei den Fokus auf das Entstehen der Werke des historischen Goyas aus der Imagination oder den (Tag-)Träumen des filmischen Goyas heraus, indem er die Radierungen, Ölgemälde und Drucke der historischen Figur Goya in das audio-visuelle Medium übersetzt, diese dabei ihre eigene Rahmung verlassen, in den filmischen Raum diffundieren und im Raum zwischen der Kadrierung und dem Cache des Film-Bildes verhandelt werden.

Wie ihr seht: Machbar und zugleich nicht-machbar, weil wir Geisteswissenschaftler_innen ja besonders darin begabt sind, aus jeder Begrifflichkeit ein mehrstündiges Referat zu machen.

Nichtsdestotrotz hoffe ich, im Anschluss den Abschluss von zehn Jahren universitärer (Erst-)Ausbildung feiern zu können. Feiert am 13. Mai ab 19 Uhr im Geiste mit mir, ja?

*) Der letzte Schritt zur Promotion ist natürlich die Veröffentlichung meiner Diss.

PS: Ich habe bestanden. 😉

„Ich habe den Krieg verhindern wollen.“ Georg Elser (1903-1945)

An die Konstanzer_innen unter euch: Kennt ihr die Büste eines Mannes namens Georg Elser, die in Konstanz im Wessenberg-Garten an der Schweizer Grenze steht? Und das schon seit 2009? Ich nicht.

Die Geschichte Georg Elsers war mir zugegebenermaßen bis vor ein paar Tagen auch recht unbekannt, bis ich in die Weltpremiere von Oliver Hirschbiegels „Elser“ gestolpert bin und anders aus dem Kino herauskam, als ich hineingegangen bin. (Hier der Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=xK0tSgq1Qss)

Georg Elser, geboren 1903 auf der Ostalb, verübte 1939 ein Attentat auf Hitler. Er allein. Nicht mit ein paar militärversierten Freunden, nicht mit einem Verschwörerbund im Rücken, und nicht unter der Flagge einer bestimmten politischen Ideologie. Elser war Schreiner, arbeitete bis 1932 u.a. in einer Konstanzer Uhrenfabrik und kehrte dann auf die Ostalb nach Königsbronn zu seiner Familie zurück, wo er den schleichenden Einzug der NS-Ideologie und ihrer brutalen Praktiken angewidert und mit großer Sorge beobachtete. Seine Motivation, sich dazu zu entschließen, unter Lebensgefahr sich gegen Hitler und dessen Schergen zu stellen und einen Anschlag zu planen und zu verüben, beschreibt die historische Forschung einerseits als von persönlicher Abneigung gegen ein Regime, das die Lebensbedingungen der Menschen nicht verbesserte, sondern verschlechterte getrieben und andererseits als Reaktion auf die großen Aufrüstungsbestrebungen und Kriegsvorbereitungen unter Hitler. Elser zog 1938 nach München, wo er im Bürgerbräukeller, in welchem Hitler jährlich am Abend vor dem Jahrestag des gescheiterten Putsches von 1923 eine Rede hielt, in wochenlanger und mühsamer Arbeit nachts eine Säule aushöhlte, ein selbstgebautes Gehäuse mit Zündern dort deponierte, es mithilfe von zwei Uhrwerken ‚programmierte‘ und selbst nach Konstanz flüchtete, um die Grenze in die Schweiz zu passieren. Dort wurde er gefasst, – die Bombe war noch nicht explodiert -, da er eine abgelaufene Grenzkarte mit sich führte und ein Rotfrontkämpferbundabzeichen unterm Revers trug. Dann ging die Bombe hoch. Nur Hitler war schon vor 13 Minuten gegangen.

Elsner kam nach München und nach Berlin, um dort verhört zu werden. Ihm sollte nach Ende des Krieges, ergo dem glorreichen Sieg Hitlers, ein Schauprozess gemacht werden. Dazu kam es bekannterweise nicht – und Elser wurde wenige Wochen vor Kriegsende in Dachau erschossen, als klar war, dass es nichts mehr zu gewinnen gab.

So bin ich also 4 Jahre in Konstanz an einem Denkmal eines mutigen Mannes vorbei gelaufen, ohne seine Geschichte zu kennen, eine Geschichte, die mehr als vorbildlich zu sein scheint und mir deshalb nun aus Ignoranz die Schamesröte ins Gesicht treibt. Oliver Hirschbiegels Verfilmung „Elser“ (in der übrigens auch Konstanz vorkommt) ist eine leise und gleichzeitig warm leuchtende Hommage an ein Leben und Denken in Freiheit, eine Verbeugung vor einem Menschen, dessen Geschichte viele Jahrzehnte nicht ins deutsche Gedächtnis an den Widerstand eingeschrieben war und dem im Gegensatz zu anderen Akteur_innen des aktiven Widerstandes wie Stauffenberg, den Geschwistern Scholl oder von Galen bis in die 90er Jahre nur sehr wenig (mediale) öffentliche Aufmerksamkeit zugekommen war. Was mich zum Ende des Film zum Weinen bringt ist neben dem feinen und opaken bis starken Spiel des Schauspielers Christian Friedel das Wissen, dass dieser Elser jahrelang in Dachau saß, die Nachrichten von Krieg, Tod und Vernichtung durch Hitlers Hand erhielt und sich persönlich dafür verantwortlich machte, dass es so weit gekommen war, weil er als Attentäter versagt hatte.

Beim Empfang in der baden-württembergischen Landesvertretung nach der Weltpremiere des Films ruft Hirschbiegel die Anwesenden zu einem Toast auf Georg Elser auf – und ich wünsche mir, dass wir nicht erst auf Tote trinken, wenn wir sie fast vergessen haben, sondern darauf, dass wir selbst immer wieder den Mut finden, uns mutig gegen Unrecht zu stellen.