„Hey!“ – ein Nachruf nach 15 Jahren


Manchmal schließen sich Kreise, ohne dass man es merkt. Heute ist so ein Tag, an dem sich ein Kreis schließt, ich es zuerst nicht gemerkt habe – und als ich es merkte, hatte ich mehr Fragen als Antworten.

Heute ist der 14. Juli. Das ist der französische Nationalfeiertag, und es ist dein Geburtstag. 34 wärst du heute geworden. Doch seit 15 Jahren feiern wir deinen Geburtstag nicht mehr gemeinsam. Dass ich mir deinen Geburtstag gut merken konnte, lag allerdings nicht nur an der französischen Geschichte, sondern weil du fast sechs Jahre lang meine Nebensitzerin in der Schule warst, noch länger meine Freundin und am allerlängsten die Person, die mir manchmal schrecklich fehlt.

Wir kennen uns seit der Erstkommunion, waren zusammen in der KjG (Katholische junge Gemeinde) und als Ministrantinnen aktiv und unser letzter gemeinsamer Ausflug, bevor du unheilbar krank wurdest, war zu „eventure“, der KjG-Großveranstaltung 2001 in Mannheim, deren Song ich heute noch mitsingen kann (schubidubiduuuu, eventure). Da waren wir so lang wach, bis wir die Kaninchen im Morgengrauen durch die Mannheimer Schlossparkanlage hoppeln sahen, ganz ohne Alkohol! Du warst immer wahnsinnig gut in der Schule, hast mich in der Regel großzügig Hausaufgaben abschreiben lassen, außer wir hatten Streit miteinander, der meistens damit zu tun hatte, dass ich dich wegen irgendwas angezickt hatte, du sachlich darauf geantwortet hast und mich damit auf die Palme gebracht hast. Das wäre heute vielleicht nicht anders.

Du hattest einen sehr trockenen Humor, einen Allgäuer Akzent und ein warmes Herz mit einem störrischen Kopf dazu. Du bist diejenige, die mich für Fasnet/Karneval begeistert hat und wir haben zusammen beim Dorffasching zu Schlagern getanzt, die du alle auswendig konntest – ich natürlich nicht. Als du 2001 krank wurdest, haben wir Silvester an deinem Krankenhausbett zusammen verbracht. Wir haben ferngesehen und viel gelacht und Zukunftspläne gemacht. Nach dem Feuerwerk warst du müde. Ich habe dir über eine Sonde ein Schlafmittel gegeben und bin um halb 1 nach Hause gegangen und habe mich fast noch ein wenig geärgert, nicht auf eine wilde Party gegangen zu sein.

Ich war sicher nicht immer eine gute Freundin. Mit 18 hatte ich meine Ehrenämter im Kopf, war Schülersprecherin, hatte permanent Stress oder Liebeskummer und habe dich nicht so oft besucht, wie ich hätte können. Die letzten Monate bevor du starbst, hast du bei deiner Familie verbracht. Von deinem plötzlichen Tod habe ich erst am Tag danach erfahren, durch Zufall. Das tat noch mehr weh als dich dann noch einmal in deinem Bett gesehen zu haben, als du wie schlafend im Wohnzimmer deiner Eltern aufgebahrt lagst und dein Geist schon nicht mehr da war.

Du fehlst mir. Auch 15 Jahre später noch. Ich weiß nicht, wie gut wir heute noch befreundet wären. Du hättest wohl Medizin studiert, ich wäre etwas neidisch gewesen, wir hätten uns immer an Ostern und Weihnachten in unserer Heimatgemeinde getroffen und über die alten Zeiten gelacht. Ich nehme es dir nicht übel, dass du gegangen bist. Dein Gehen hat mir (und vielen anderen!) Hoffnung gemacht.

Als ich vergangenes Wochenende in Paris (der Kreis!) beim Guns’n’Roses-Konzert war und der in die Jahre gekommene Axl Rose „Knockin‘ on heaven’s door“ anstimmte, kam die Erinnerung zurück: Es war eines deiner Lieblingslieder, Teile des Refrains standen in deiner Todesanzeige und das „hey!“ im Refrain hast du mit nach „Drüben“ getragen, berichtete mir dein Vater, der dich bis zum letzten Atemzug begleitet hat. Du rufst es mir manchmal zu – und dann freue ich mich, dass ich leben darf und weine ein wenig (so wie jetzt, während ich im ICE von Berlin nach Frankfurt auf dem Weg zu einem Ehrenamt sitze), weil ich nicht weiß, ob du mich hinter der Himmelstür hörst und dann frage ich mich, ob ich alles getan habe, was eine Freundin hätte tun können.

Ich habe dir meine Doktorarbeit gewidmet. Es ist nur eine kleine Geste, ich weiß. Aber ohne das „hey!“ hätte ich das nicht geschafft. Danke dafür. Und für alles.

15 Jahre sind eine lange Zeit. Aber ich bleibe noch ein bisschen vor der Tür, okay? Und eines Tages erzähle ich dir, wie es ohne dich war. Du ahnst es vielleicht: Manchmal ganz schön doof ❤

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