Abi 2003. 14 Jahre später. Still lovin‘ feminism.

Vor 14 Jahren habe ich Abitur an einem Kleinstadtgymnasium im Schwarzwald gemacht. 14 Jahre – das ist ein Jahr mehr als ich zur Schule gegangen bin, und auch wenn sich das Abi so verdammt weit weg anfühlt, so hat bei mir die erneute Lektüre meiner Abi-Zeitung so einige Emotionen und Reflexionen ausgelöst, die eine Brücke schlagen zwischen meinem 19-jährigen Ich und meinem heutigen, 33-jährigen Ich. Wer war ich, wer wollte ich sein, wie haben mich meine Mitschüler_innen gesehen – und wer bin ich heute?

engagiert

Für die Abizeitung wurde eine umfangreiche Umfrage unter allen Schüler_innen der Abschlussklasse durchgeführt, im Rahmen derer Mitschüler_innen für bestimmte Kategorien vorschlagen werden konnten. Darunter befinden sich Kategorien wie „Originellste Lache“ oder „Häufigste_r Blaumacher_in“, die sich auf die Zuschreibung von Verhaltensweisen beziehen, oder auch „Knackarsch“ oder „Beste Frisur“, die auf Körpermerkmale referieren, aber auch „Schnorrer“ oder „Streber_in“, die den Abiturient_innen bestimmte Labels verpassen, die ihren Charakter oder ihre politische Einstellung kennzeichnen. Ich erinnere mich, dass mich meine Positionierungen innerhalb dieses Rankings damals teilweise sehr getroffen haben, da ich das Gefühl hatte, nicht so wahrgenommen zu werden, wie ich mich selbst wahrnahm. Natürlich, auf Platz 1 mit 75,4% der engagiertesten weiblichen Abiturientinnen zu landen – das hatte ich irgendwie erwartet. Ich war Schülersprecherin, Organisatorin des Abifestes, vorne dabei in Sachen Abiball, war im Chor, in der Theater-AG und überhaupt sehr präsent, wenn es etwas zu tun gab. Anerkennung gab es selten – nun aber in der Abizeitung durch den 1. Rang. Glückwunsch. Dazu passte, dass ich auf Rang 3 bei „wird mal berühmt“ landete – und dass Platz 1 von einer tollen Mitschülerin belegt wurde, die heute wirklich als Opernsängerin um die Welt reist.

Emanze

Scheidung

Die Kombination dreier anderer Kategorien sagt aber vermutlich mehr über das Umfeld aus, in dem ich aufgewachsen bin, als über mich: Mit großem Abstand wurde ich zur „Emanze“ des Jahrgangs gewählt (57,2%), wurde gemeinsam mit einer Mitschülerin zur „größten Zicke des Jahrgangs“ (23,5%) erkoren und landete auf Platz 3 in der Kategorie „lässt sich als erstes wieder scheiden“ (13,6%). Mit 19 war ich über diese Platzierungen sehr erbost – mit 33 kann ich sagen: Oh yes, I’m still lovin‘ feminism und habe immer noch eine differenzierte Meinung zum Thema Ehe als zivilrechtliche Konstruktion, die ich auch gerne ungefragt teile. Was aber hinter diesen und weiteren Kategorien steckt, ist das Gesellschaftsbild einer weitestgehend weißen, heterosexuellen, heteronormativen und behütet aufgewachsenen Abiturklasse aus dem Nordschwarzwald, deren Mitglieder in den 1980er und 1990er Jahren in relativem Wohlstand groß geworden sind und für die Fragen von Migration und Flucht spätestens mit der sozialen Lotterie nach der Grundschule nicht mehr auf dem Tableau standen. Mich zur Emanze Nr. 1, zur größten Zicke und überdies zu einer weiblichen Person zu küren, die es nicht lange in Beziehungen auszuhalten scheint, die engagiert und determiniert ist, ergibt in der Verknüpfung ein interessantes Frauenbild, das seine konservative Einfärbung kaum leugnen kann: Bist du als Frau erfolgreich, klug und politisch parteiergreifend für feministische Solidarität, dann kann dies nur bedeuten, dass du in der heterosexuellen Welt auf geringe partnerschaftliche Resonanz stößt.

Zicke

Noch interessanter ist die männliche Kategorie, die der „Emanze“ gleichgesetzt wurde: der Macho. In diese Kategorie hatten es damals drei sehr liebenswerte Mitschüler geschafft, die auch in anderen positiv konnotierten Kategorien ganz oben dabei sind, und ich sage deshalb „positiv konnotiert“, weil sie ebenso ein spannendes Männerbild ergeben, denn: Der will doch nur spielen, der ist harmlos. Und ich selbst ertappe mich bei dieser Verharmlosung, weil ich mit Blick auf die 19-jährigen Machos heute mit 33 sagen muss: Ja, die wollten vermutlich wirklich nur spielen, haben damit aber wenig (ebenso wie einige Lehrer) zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen im schulischen Diskurs beigetragen, was sich auch bei der weiteren Durchsicht der Sprüche-Seiten in der Abizeitung zu bestätigen scheint (#sexismus).

Sexismus2

Teilweise kann ich heute in Erinnerung an die Schulzeit auch darüber schmunzeln, weil mich die Nostalgie ergreift und viele Sprüche ohne das Bewusstsein über die politische Implikation gerissen wurden – aber sind nicht genau das die Strategien, die ich heute mit Hashtags versehe und online wie offline anprangere?

Sexismus3

Nichtsdestotrotz: Wir waren jung, wir wollten die Welt erobern – oder zumindest zum BWL-Studium nach Tübingen oder Karlsruhe ziehen. Aber was von diesen gegenseitigen Eindrücken und Zuschreibungen aus der Abiturzeit ist noch übrig?

Sexismus4

Nachdem auch ich nach einem Jahr in Bolivien zum Studium nach Baden-Württemberg zurückgekehrt war und meinen Fluchtreflex aus der Provinz mit Auslandspraktika, Auslandssemestern, der Jugendverbandsarbeit, vielen Reisen und breitem Engagement zu zügeln versuchte, lebe ich nun seit ein paar Jahren in Berlin. Wer mit mir auf Facebook befreundet ist, sieht, dass ich nach wie vor viel unterwegs bin und neben Lehraufträgen, Jobs und Reisen auch sonst so alles an Events mitnehme, was die Hauptstadt und Europa zu bieten haben. Kehre ich jedoch in meine Heimatstadt zurück, dann bewegen sich die Fragen einiger meiner Mitschüler_innen von früher auf der Ebene zwischen „Du kommst ja viel rum. Ich könnte das nicht. Mir gefällt es hier.“ [1] über „Hast du nicht irgendwann auch genug von der Großstadt?“ [2] bis hin zur sehr vorsichtigen Frage „Hast du eigentlich einen Freund… oder eine Freundin?“ [3]. Immerhin: Die Kunde von meiner sozialen Unangepasstheit ist in der Heimat angekommen. Nur dass sie nach wie vor auf falschen Prämissen aufbaut. Denn für einige jener, die mich zur größten Emanze des Jahrgangs gewählt haben, impliziert dies auch meine sexuelle Orientierung und dies wiederum bildet überhaupt die Bedingung, erfolgreich, engagiert und viel unterwegs zu sein. Sonst wäre ich ja „seßhaft“ (= mit einem (weißen) Mann verheiratet, mehrfache Mutter, daheim). Mein Bild von mir ist auch heute noch anders und gefühlt hat sich das seit 2003 wenig geändert.

Aber: Ist mein Bild von meinen ehemaligen Mitschüler_innen auch noch aktuell? Und was kriege ich von denen überhaupt mit? Was wussten wir wirklich voneinander und wo stehen wir jetzt? Kommendes Jahr begehen wir theoretisch das 15. Jubiläum unserer „Reifeprüfung“. Ist es nicht seltsam, dass sich auch 2018 vermutlich noch zwei 19-Jährige gegenüber stehen werden und nicht zwei 34-Jährige, die zugeben können, dass zwischen ihren euphorischen Facebook-Postings so einiges passiert ist, das weder ins Netz noch in eine Abizeitung passen würde?

 

[1] Man höre die vorwurfsvollen Zwischentöne, mir würde es im schönen Schwarzwald wohl nicht gefallen. Schwarzwaldliebe ❤

[2] Ich habe 15 Jahre in Freudenstadt gelebt, eine Kleinstadt mit 22.000 Einwohner_innen, ich habe 11 Jahre in Konstanz gelebt, eine Grenzstadt mit 80.000 Einwohner_innen – macht zusammen 26 Jahre Kleinstadtliebe ❤

[3] Ich gebe zu: Ich freue mich über so viel Offenheit der Fragenden. Das wäre vor 14 Jahren anders gewesen. Regenbogenliebe ❤

 

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Ein Gedanke zu “Abi 2003. 14 Jahre später. Still lovin‘ feminism.

  1. Liebe Anna, mich hat dein Artikel sehr berührt. Kommt mir doch einiges so erschreckend bekannt vor. Was bleibt ist: Die eigene Mitte, den eigenen Weg und die eigene Wahrheit finden.

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