Das Schweigen der Täter: „El pacto de Adriana“

Die 67. Berlinale, Sektion „Panorama“, im großen Cinemaxx-Saal: Der Abspann läuft, das Licht geht an, das Publikum applaudiert. Die Regisseurin und ihr Team stellen sich den Fragen des Publikums, verzögert durch Übersetzungsschleifen, doch kaum jemand verlässt den Kinosaal. „Die letzte Frage, bitte!“. Eine junge Frau meldet sich, steht auf. Mit tränenerstickter Stimme entschuldigt sie sich dafür, dass sie während des Films den Kinosaal verlassen hat. Sie sei die Tochter chilenischer Folteropfer der Pinochet-Diktatur und im Exil in Schweden aufgewachsen und möchte sich bei der Filmemacherin für ihr Werk bedanken: „Du bist die Nichte einer Täterin, ich die Tochter eines Opfers. Aber wir haben eine andere Zukunft als noch unsere Eltern. Dass wir das hier miteinander teilen können, macht mich glücklich und stolz.“ (frei übersetzt).

„El pacto de Adriana“ der 1987 geborenen Chilenin Lissette Orozco lässt sich einer Reihe von chilenischen Dokumentarfilmen der letzten Jahre zuordnen, in denen Töchter, Söhne, Enkel, Nichten und Neffen jener, die die Pinochet-Diktatur der 70er und 80er überlebt oder eben auch nicht überlebt haben, versuchen, sich der Rolle der eigenen Familie in dieser Zeit filmisch anzunähern (2015 gewann zum Beispiel „Allende mi abuelo Allende“ in Cannes als „bester Dokumentarfilm“). Orozcos Langfilmdebüt erzählt ihre eigene Geschichte. Die Geschichte einer jungen Frau, die von einem auf den anderen Tag herausfindet, dass ihre Lieblingstante Adriana, kurz „Chany“, nicht nur die persönliche und weitestgehend ahnungslose Sekretärin des Leiters des chilenischen Geheimdienstes Manuel Contreras war, sondern selbst einer der weiblichen Folterknechte, der unzählige Männer und Frauen im Namen der DINA (Dirección de Inteligencia Nacional) zum Opfer fielen. Chany, die seit 1978 in Australien lebt, wird überraschend bei einem Familienbesuch in Chile 2007 verhaftet, zum Entsetzen ihrer Familie und zum Entsetzen ihrer Nichte Lissette, die sie über alles liebt. Nichtsdestotrotz folgt Lissette ihrem Instinkt und beginnt, ihre Tante zu interviewen und zu filmen, auch als diese 2011 zurück nach Australien flieht und sich damit dem Zugriff der chilenischen Justizbehörden entzieht. Lissette begibt sich auf die Spuren ihrer Tante, die ihr nahezu täglich per Skype und tränenreich schwört, nichts mit der ganzen Sache zu tun zu haben, niemals auch nur in der Nähe eines Gefangenen oder eines Gefolterten gewesen zu sein, aber auch nicht verheimlicht, dass aus ihrer Sicht Folter die einzige Methode ist, den „Kommunisten“ die Wahrheit zu entlocken, sie zu brechen und gleichsam Lissette dazu auffordert, alte Kameradinnen der DINA von früher aufzusuchen und unter Druck zu setzen. Je größere Kreise die öffentliche Aufmerksamkeit für Chany und ihre geforderte Auslieferung nach Chile zieht, desto eindringlicher werden ihre Schwüre, keine Täterin gewesen zu sein. Und desto heftiger manipuliert sie ihre Nicht Lissette, die als „ihr eigen Fleisch und Blut“ ihr nicht mehr glauben kann.

Der Dokumentarfilm hinterlässt deshalb bei den im Kinosaal anwesenden Chileninnen und Chilenen (und auch bei mir, die ich immer wieder in Chile lebe und arbeite) einen besonders bitteren Nachgeschmack, weil er eine wesentliche Problematik der heutigen Gesellschaft jenseits der Anden behandelt: Täter und Opfer der Pinochet-Diktatur (1973-1990) leben oftmals Tür an Tür, Angehörige von Verschwundenen sind immer noch auf der Suche nach den sterblichen Überresten ihrer Töchter und Söhne, und die politische Rechte diskutiert darüber, dem „Museo de la Memoria“, das den Opfern gedenkt, ein „Wahrheitsmuseum“ gegenüberzustellen, das die Geschehnisse relativieren soll (ich habe bereits 2013 dazu ausführlich gebloggt). Dies zeigt sich eindrücklich in einer Szene in „El pacto de Adriana“, als die Regisseurin eine Veranstaltung besucht, in der Anhänger des Diktators den toten Despoten frenetisch feiern und die Toten als „kommunistische Arschlöcher“ verhöhnen, und dies nicht etwa heimlich, sondern mitten in der Fußgängerzone von Santiago sowie dem berühmten Theater Caupolicán im Süden der chilenischen Hauptstadt. In den Familien der Täter wird die grausame Vergangenheit ihrer Mitglieder weitestgehend ignoriert, der „Pakt des Schweigens“, dem sich auch Lissetes Tante Chany bedingungslos unterzuordnen scheint, hält bis heute an und verhindert an vielen Stellen auch deshalb eine Aufarbeitung der Diktatur, weil die Täter von früher kaum juristische Konsequenzen zu fürchten haben, solange sie sich ausschweigen und sich gegenseitig nicht belasten.

Orozcos Leistung ist deshalb so beachtlich, weil sie sich selbst als Filmemacherin und als Angehörige zur Diskussion stellt: Wie damit umgehen, dass ein Mensch, den man zu kennen schien und den man liebt und bewundert, eine Vergangenheit verschweigt, die zu den grausamsten Epochen lateinamerikanischer Geschichte gehört? Wann ist sie die Nichte, die sich von ihrer Tante manipulieren lässt, wann die kritische und wahrheitsliebende Regisseurin, die sie selbst sein möchte? Dass sie ihr eigenes Schweigen bricht und damit auch ihre gute Beziehung zu Chany aufs Spiel setzt, zeugt nicht nur von Mut, sondern vielmehr von einer filmischen als auch politischen Notwendigkeit: Solange die Täter noch leben und sich in Schweigen hüllen, muss der Film und das Filmische sie zum Reden bringen, muss sichtbar machen, was sonst unsichtbar und unaussprechlich bleiben würde, müssen junge Menschen in Chile miteinander in Dialog treten, schreien und weinen und sich vielleicht versöhnen. Als Söhne und Töchter, als Nichten und Neffen, als Enkel von Tätern und Opfern. Als Söhne und Töchter einer jungen Demokratie, die gemeinsam an etwas erinnern, das nicht mehr passieren darf.

 

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