„Das ist schon echter Fortschritt so“. Eine Kritik am Clip „Die neue Nähe“ der Aktion Mensch.

Meine Facebook-Timeline jubiliert: „Total schön!“ – „So süß!“ – „Kinder wissen halt noch nicht, was Behinderung ist!“ Und alle teilen sie euphorisch das neue Werbevideo der Aktion Mensch, das in einem „ganz natürlichen Studio-Setting“ (*hüstel*) Kinder mit körperbehinderten Menschen und ihren technischen Alltagshilfen, ihren Prothesen, Roboterarmen oder Sprachcomputern zusammenbringt. Unterlegt mit leichtfüßiger Musik begrüßen sie sich, die nicht-behinderten, weißen Kinder lernen die Tools ihrer Gesprächspartner_innen kennen, staunen, stellen Fragen, zeigen wenig Scheu – so weit, so gut, so niedlich, so unverblümt. Eine „neue“ Nähe eben.

Das Werbevideo der Aktion Mensch reiht sich ein in eine noch nicht alte Tradition von Werbeclips von Nichtregierungsorganisationen, die mit „echten Menschen“, großer Emotion und hipper Musik auf ein politisches Anliegen aufmerksam machen möchten. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden, denn die Zeiten der hungrig und bemitleidenswert in die Kamera starrenden Kinder aus der Sahel-Zone scheinen vorbei zu sein bzw. das Motiv ist nicht mehr ‚attraktiv‘ genug, um Spenden zu sammeln. Die Problematik entfaltet sich aber für Disability Rights Activists (dt. „Behindertenrechtsaktivisten“) und damit auch für die Disability Studies, in denen ich mich wissenschaftlich bewege, nicht in erster Linie an der Emotionalität des Videos, sondern an der Wiederholung eines höchst kritischen Paradigmas: dem medizinischen Modell von Behinderung. Dieser Erklärungsversuch von Behinderung geht davon aus, dass Behinderung ein individuelles Problem ist, das durch Vererbung, durch einen Unfall oder Krankheit hervorgebracht wurde und „als tragischer Defekt, als defizitäre Abweichung eines einer Minderheit angehörenden Individuums“[1] betrachtet werden muss. Die körperliche Schädigung alleine wird hier mit ‚Behinderung‘ gleichgesetzt, während gesellschaftliche Faktoren oder die sächliche Umwelt noch keine Rolle für die Abweichung vom Normalzustand spielen (das wird erst im sozialen Modell berücksichtigt). Gelöst werden könne das ‚Problem‘ Behinderung durch medizinisch-therapeutische Maßnahmen, durch die das zur Heilung und Genesung bereite Individuum wieder in die ‚Normalgesellschaft‘ integriert werden kann.[2] Und hier liegt auch der Hase im Pfeffer des Clips der Aktion Mensch: So wichtig, so gut, so lebensnotwendig die technischen Tools, die Blades, die Apps sind, so sehr weisen sie erstens doch darauf hin, dass das Problem nicht bei einer nicht-inklusiven Gesellschaft liegt, sondern beim Menschen mit Behinderung selbst, der sich einer wie auch immer gearteten Normalität damit anpassen soll, die aber in der Regel von nicht-behinderten Menschen hergestellt wird.

Zweitens wird hier immer noch eine Differenz suggeriert, die ästhetisch und inszenatorisch darüber hergestellt wird, dass es sich um die Annäherung von zwei Menschen dreht, bei denen die eine dem Starren der anderen Person ausgesetzt ist. Die Präsentation vor einem weißen Hintergrund, die Exponiertheit der Tools und das Erproben ihrer Alltagstauglichkeit an den Maßstäben der Nicht-Behinderten (beim Stacking, beim Tanzen, beim Schimpfen) mit Kommentaren des Regisseurs aus dem Off suggerieren, dass die Kinder über bestimmte Kompetenzen oder Lebensweltbezüge verfügen, in denen sich nicht-behinderte Menschen erst unter Beweis stellen müssen oder gar noch besser darin sind. In den Disability Studies wird dies häufig als Produktion eines „super crip“, eines wortwörtlichen „Superkrüppels“, bezeichnet, der immer besser sein muss als alle anderen, sich und seine Behinderung überwindet und sie damit zu tarnen neigt.[3]

Drittens: Ein weiteres, ganz unwissenschaftliches Problem entfaltet sich am thematischen Fokus des Clips: Diese Geräte, wie sie hier vorgeführt werden, sind sehr teuer, werden selten von Krankenkassen bezahlt und sind so auch nur einem kleinen Teil jener Menschen vorbehalten, deren Alltag und deren soziale Interaktion bisweilen beschwerlich bis unmöglich ist. Sie sind Luxusprodukte der Zukunft und gaukeln hier einen technologischen Fortschritt vor, der noch längst nicht allen Menschen mit Behinderung zur Verfügung steht. Hier gewinnt nicht das „wir“ (mit diesem Slogan wirbt die Aktion Mensch), sondern zunächst ein „die, die es sich leisten können“. Solange der Bundestag noch darüber debattiert, ob Menschen mit Behinderung eigenes Erspartes haben dürfen, im Falle dass sie Assistenz benötigen, kann von einer Herstellung von Normalität noch gar nicht die Rede sein. Was die Aktion Mensch hier (audiovisuell und ästhetisch durchaus sehr gekonnt!) ins Bild setzt, ist nicht die Realität behinderter Menschen in Deutschland. Eine Einblendung am Ende des Clips beschwört: „Jede neue Idee kann uns näher bringen.“ Die Frage ist nur, wohin wir dann gemeinsam weitergehen und wer über die Richtung entscheidet.

[1] RENGGLI, Cornelia: Disability Studies – ein historischer Überblick. In: DIES./WEISSER, Jan (Hrsg.): Disability Studies. Ein Lesebuch. Luzern: Ed. SZH/CSPS 2004, S. 15-26, hier S. 16.

[2] Vgl. WALDSCHMIDT, Anne: Disability Studies: individuelles, soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung?, in: Psychologie und Gesellschaftskritik 29 (1) 2005b, S. 9-31, hier S. 17.

[3] GREBE, Anna/OCHSNER, Beate: Vom Supercrip zum Superhuman oder: Figuration der Überwindung. In: kritische berichte 41 (1) 2013b, S. 47-60.

Postscriptum: Technologischer Fortschritt ist wichtig für gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe. Hier soll nicht der Eindruck entstehen, ich würde dies ablehnen, im Gegenteil. Ich möchte hier zumindest anmerken, dass vor der großen Technik-Euphorie noch ein paar andere Angelegenheiten geklärt werden müssten, mit denen sich die Disability-Forschung hoffentlich nicht vergeblich beschäftigt.

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Ein Gedanke zu “„Das ist schon echter Fortschritt so“. Eine Kritik am Clip „Die neue Nähe“ der Aktion Mensch.

  1. Ich habe mich über diesen Beitrag sehr geärgert, weil ich die hier formulierte Kritik als überzogen und nicht hilfreich empfinde. Einige der hier vorgetragenen Behauptungen sind ferner sachlich falsch.

    Disclaimer: Ich bin einer der Protagonisten des Films der Aktion Mensch – Bertolt mit der Handprothese. Ich schreibe diese Zeilen also aus der Sicht eines „betroffenen“ Protagonisten, der sich aber auch wissenschaftlich mit dem Thema Behinderung auseinander setzt [z.B. 1].

    Vorwurf 1: Das Video reproduziert das medizinische Modell von Behinderung. Diesen Vorwurf kann ich nicht nachvollziehen. Das *soziale Modell* von Behinderung konzeptualisiert Behinderung als eine Differenz zwischen den Fähigkeiten des beeinträchtigten Individuums (engl. Impairment) und den (impliziten) Erwartungen der Umwelt (Beispiel: Rollstuhlfahrer_In sieht sich mit Treppe konfrontiert) [2, 3]. Wenn es überall Rampen gäbe, wäre die Rollstuhlfahrerin nicht behindert. Das soziale Modell von Behinderung lässt aber drei Möglichkeiten zur Reduktion dieser Differenz zu: (a) Verringerung der Umweltanforderungen (Rampen statt Treppen), (b) Verringerung der Einschränkung des Individuums (Ein Rollstuhl, der Treppen steigen kann), (c) soziale Veränderungen (Die Freunde der Rollstuhlfahrerin wählen einen Treffpunkt ohne Treppen aus). Das soziale Modell von Behinderung beinhaltet keine exklusive Bevorzugung von (a). Nur weil im Film der Aktion Mensch (b) gezeigt wird, schließt das weder (a) noch (c) aus. Ich bin sogar der Meinung, dass es hier vor allem um (c) geht. Es ist auch keine Reproduktion des medizinischen Modells, weil Option (b), die hier gezeigt wird, mit dem sozialen Modell vereinbar ist. Das von der Blogschreiberin implizit verfochtene soziale Modell ist außerdem dafür kritisiert worden, dass die Versteifung seiner Befürworter auf (a) die individuelle Erfahrung der Betroffenen und das Leid, das durch die Beeinträchtigung entsteht, außer acht lassen [3] – viele Betroffene (ich eingeschlossen) *wünschen* sich eine therapeutische Intervention mit dem Ziel der Verringerung der Beeinträchtigung. Ich empfinde die Kritik der Blogschreiberin deshalb auch als bevormundend.

    Vorwurf 2: Reproduktion des „Superkrüppel“ (engl. „super crip“) – Diskurses: Menschen mit Behinderung müssen immer besser sein als alle anderen um die Behinderung zu überwinden und zu tarnen. Ich mag diesen Diskurs, der vor allem im Kontext von paralympischem Sport reproduziert wird, auch nicht und finde Kritik am „super crip“ sehr gerechtfertigt [1]. Ich kann die Inszenierung des „super crip“ im Clip der Aktion Mensch aber nicht erkennen. Die Betroffenen erzählen keine Überwindungsgeschichte und sind (mit einer Ausnahme) keine paralympischen Athleten, sondern Kinder, Familienväter, Gamer und Hochschullehrer. Die Aktivitäten, die gemeinsam mit den Kindern gemacht werden, sind alltägliche Dinge: Sehen, gamen, tanzen.

    Die Bloggerin führt zwei Dinge als Begründung an für die Reproduktion des Superkrüppels an: (a) Die Exponiertheit und das daraus resultierende Starren und (b) die Aktivitäten entstammen den „Lebensweltbezügen“ von Nicht-Behinderten, in denen sich die Menschen mit Behinderungen erst unter Beweis stellen müssen.

    Zu (a): Das Starren gehört zur Lebenswelt von Menschen mit Behinderung, da spreche ich aus Erfahrung. Psychologisch gesehen ist das eine normale Reaktion auf Dinge, die aus der Umwelt heraus stechen (Stichwort Salienz). Es ist unmöglich das abzutrainieren, wir müssen offen mit der Neugier und den Fragen der Nicht-Behinderten, die oft zum ersten mal mit solcher „Andersartigkeit“ konfrontiert sind, umgehen. Es macht keinen Sinn so zu tun, als seien wir alle gleich, das ist nicht mein Verständnis von Inklusion. Mein Verständnis von Inklusion ist, dass Unterschiede sichtbar sind, als normal akzeptiert werden und nicht negativ konnotiert werden.

    Zu (b): Videospielen ist eine Beschäftigung, die der Protagonist im Rollstuhl selbst ausgewählt hat. Das Mädchen im Rollstuhl und der Junge mit dem Kugelfischreferat kommunizieren über Schule und Schimpfwörter. Hier geht es um die Inszenierung von *Teilhabe* und um *soziale Nähe* die durch Technologie ermöglicht wird. Eine Reproduktion des Super Crips kann ich nicht erkennen.

    Vorwurf 3: Hier wird nicht die Realität gezeigt, die gezeigten Hilfsmittel sind teure und für die meisten Betroffenen unerschwingliche und unerreichbare Luxusgeräte. Das ist in dieser Pauschalheit schlichtweg sachlich falsch und somit irreführend und gefährlich. Beispiel 1: Meine Handprothese, die i-Limb, wird in Deutschland seit einer Entscheidung des Sozialgerichts Heilbronn (Gerichtsbescheid vom 16.09.2013 – S 15 KR 4576/11 -) von den Gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Beispiel 2: Die beMyEyes-App, die der junge Mann mit Sehbehinderung benutzt, ist *kostenlos*. Beispiel 3: Die Beinprothese der jungen Frau ist eine Össur FlexFoot – auch diese wird in Deutschland von den GKVs bezahlt. Hier hätte ich mir weniger Polemik und Mutmaßungen gewünscht. Ich hatte hier den Eindruck, dass die Bloggerin ihre persönliche Haltung reproduziert, ohne die Fakten zu kennen bzw. zu prüfen.

    Insgesamt finde ich, dass man zu allen drei Kritikpunkten stichhaltige Gegenargumente formulieren kann – ich halte die Kritik, die ich in Teilen bevormundend fand und die in Teilen schlicht falsch ist daher insgesamt für überzogen und unbegründet.

    Bertolt Meyer

    [1] Meyer, B. (2017). Stereotype Content Model. In J. Samovhowiec & A. Schmidt (Hrsg). Robotik und Behinderungen: Wie Maschinen morgen Menschen helfen (S. 74-77). Zürich: GDI Gottlieb Duttweiler Institute. Verfügbar unter: http://gdi.ch/robotik2017

    [2] Samovhowiec, J. & Schmidt, A. (Hrsg). Robotik und Behinderungen: Wie Maschinen morgen Menschen helfen. Zürich: GDI Gottlieb Duttweiler Institute. Verfügbar unter: http://gdi.ch/robotik2017

    [3] Shakespeare, T. (2006). The social model of disability. In L. J. Davis (Ed.), The disability studies reader (Vol. 2, pp. 214–221). New York: Routledge.

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