„Fasnet hat man im Blut.“ – „Ja, das befürchte ich auch.“

Am Donnerstag – an Weiberfasnacht bzw. am „Schmotzigen Dunschtig“ – habe ich mit meiner Mutter telefoniert. Zum Ende des Gesprächs empfahl sie mir eine Doku in der arte-Mediathek über die Villinger Fasnet mit dem Satz „Irgendwie gehört das ja auch zu dir.“

Es ist schon komisch: Jedes Jahr um die Fasnetszeit (Fasnet = schwäbisch-alemannisch-katholisch für die „5. Jahreszeit“ zwischen Dreikönig und Aschermittwoch) kämpfe ich mit mir, wie ich diese ganze Veranstaltung nun finden soll und ob sie wirklich Teil dessen ist, was man ‚kulturelle Identität‘ nennt. In den letzten Jahren bin ich hin und wieder bei der Konstanzer Gassenfasnet gewesen, habe schlechten Wein aus Plastikbechern getrunken und, um mir nicht die Füße abzufrieren, zu jeder Guggenmusik in der Altstadt kräftig geschunkelt. Das gehörte insofern zu mir, als alle meine Freund_innen da waren und kräftig mitgetrunken und mitgeschunkelt haben.

Nun lebe ich in Berlin, und, Verzeihung, dies ist definitiv die Stadt der Karnevalshasser, auch wenn es sich samstagnachts in Kreuzberg manchmal so anfühlt, als sei irgendwie immer Fasching hier. Sagt man, dass man Fasching nicht immer schlecht und durchweg ablehnenswert findet, lächeln gerade die zugezogenen Berliner müde und behaupten, das alles mit dem Umzug aus Stuttgart, Freiburg und Ulm hinter sich gelassen zu haben. Und dann sitze ich vor dem Rechner, klicke auf die Doku in der Mediathek, die ersten Töne erklingen – und ich bin ganz seltsam angerührt von etwas, das vielleicht doch mehr zu mir gehört als ich es wahrhaben will.

Meine Familie mütterlicherseits stammt aus Villingen im Schwarzwald und obwohl meine Großeltern und meine Mutter seit Mitte der 50er Jahre in Freudenstadt im Nordschwarzwald wohnen, spielte Villingen und vor allen Dingen die Fasnet immer eine große Rolle in unserem Familienleben. Meine Oma und mein Opa haben sich nach dem Krieg auf der Fasnet als Jugendliche kennengelernt, der lebenslustige Patenonkel meiner Mutter arbeitete noch im hohen Alter in der Faschingszeit in einer der vielen Beizen/Besenwirtschaften in der Villinger Altstadt, bei meinem Urgroßvater gab es stets am Rosenmontag Fettgebackenes um den Magen auszukleiden, im großelterlichen Flur hingen geschnitzte Narrenmasken ganzjährig an der Wand und meine Mutter spielte als ich klein war jedes Jahr am Rosenmontag um 8 Uhr morgens von einer knisternden Kassette den Villinger Narromarsch und bekam dabei feuchte Augen.

Mein Bruder und ich bei der Villinger Fasnet (1988)

Mein Bruder und ich bei der Villinger Fasnet (1988)

Dass in Villingen Fasching gefeiert wird ist zum ersten Mal im 15. Jahrhundert urkundlich erwähnt worden; zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde die „Narro-Zunft“ gegründet, wie sie bis heute das Bild der Villinger Fasnet weithin prägt. Sie besteht aus einem recht starren Figurenrepertoire, auf dessen originalgetreue intergenerationelle Weitergabe hinsichtlich der Kostüme und der Lieder und Sprüche sehr großen Wert gelegt wird, wie man auch in der arte-Doku sieht: Da ist der Narro, ein Weißnarr, der dick ausgestopft und elegant mit Fuchsschwanz, edlem Tuch und aristokratischer Halskrause, der die Menschen durch seine Holzmaske „strählt“, ihnen die Wahrheit ins Gesicht sagt und dabei schallend lacht. Sein armer Bruder, der „Wuescht„, besticht hingegen eher durch derbe Sprüche und abgewetzte Tracht – und hat mir früher als Kind Angst eingejagt. Alle Figuren sind mit der Stadt- und Regionalgeschichte verbunden und die Rituale, Praktiken und Abläufe der Fasnet scheinen sich auch nach 150 Jahren nicht verändert zu haben.

Aber ich habe mich verändert. Wollte ich als Kind noch um jeden Preis Teil der Villinger Fasnet und der Familienrituale sein und habe mich darauf gefreut, mit meiner Oma beim Umzug mitzulaufen, so befremdet mich das heute alles bisweilen sehr. Die unbeweglichen Traditionen, die zu großen Teilen auf Einheimische und damit weiße Menschen beschränkt sind; der immense Alkoholkonsum inklusive aller Verhaltensausfälle, die damit einhergehen; sexuelle Belästigungen, die mit dem kulturellen „Ausnahmezustand“ gerechtfertigt werden usw. Das alles habe ich zwar zugegebenermaßen auch bei dem fantastischen bolivianischen Karneval in Oruro so vorgefunden, erscheint aber spätestens 2016 in einem besonderen und besonders grellen Licht, als in Villingen am 29. Januar auf dem Gelände einer Unterkunft für Geflüchtete eine scharfe Handgranate gefunden wurde.  So viele aktuelle politische Diskurse treffen sich dieses Jahr in der 5. Jahreszeit, die eigentlich doch eher die Vertreibung der bösen Geister bedeuten sollte und nicht ihr erneutes Beschwören. Die absurden Diskussionen nach den Ereignissen von Köln in der Silvesternacht nicht nur darüber, ob Frauen „sicher“ vor sexualisierter Gewalt durch nicht-deutsche Männer seien, sondern vielmehr darüber, ob der Karneval jetzt noch „sicher“ sei (vor wem oder was auch immer), führen vor Augen, dass eine kritische Reflexion der eigenen „Tradition“ und ihrem Stellenwert im 21. Jahrhundert einer Scheindiskussion über das „die“ und „wir“ zum Opfer fällt. Hier wünsche ich mir den Villinger Narro, der durch seine dünne Holzmaske uns ins Gesicht sagt, uns strählt, dass wir uns alle nicht der Hysterie hingeben sollten, sondern spätestens am Aschermittwoch wieder in uns gehen sollten, um kluge Lösungen und Standpunkte für 2016 zu entwickeln, die mit Hass, Gewalt, Sexismus und Rassismus nichts zu tun haben. Denn sonst kann ich langfristig auch mit dem, was mich an der Fasnet und meinen Wurzeln darin anrührt, nichts mehr anfangen.

Meine Großeltern auf der Villinger Fasnet Ende der 1940er Jahre

Meine Großeltern auf der Villinger Fasnet Ende der 1940er Jahre

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