Zika: Frauengesundheit und sexuelle Selbstbestimmung in Lateinamerika

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(c) Eugenia Prado Bassi (facebook)

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat den weltweiten Gesundheitsnotstand ausgerufen, auf Spiegel Online werden bereits die „wichtigsten“ Fragen rund um das Zika-Virus geklärt (für wen eigentlich?) und lange vergessene oder nur in Zusammenhang mit der kulturellen Praxis der Freak Shows verwendete Bilder von Menschen mit Mikrozephalie erscheinen wieder in unserem visuellen Feld.

Doch das Thema, das hinter der europäischen Infektionsangst und der juristischen Möglichkeit von Reiserücktrittsversicherungen kaum zum Vorschein kommt, ist eines, das Frauenrechtler_innen seit Jahren und Jahrzehnten unter den Nägeln brennt (und mich persönlich 2013 zu meinem Habil-Projekt inspiriert hat): In vielen Ländern Lateinamerikas spielen Frauengesundheit, Aufklärung und das Recht auf sexuelle als auch medizinische Selbstbestimmung eine geringe Rolle – und die Verbreitung des Zika-Virus durch die Tigermücke könnte zum ersten Mal einen lateinamerikaweiten Anlass bieten, über diese Themen ernsthaft politisch zu diskutieren.

Bislang sind Zika-Fälle in fast allen mittel- und lateinamerikanischen Ländern registriert worden (Chile bildet hier bislang eine Ausnahme). Die meisten der Zika-betroffenen Länder sind jedoch weder besonders reich sind noch weisen sie ein flächendeckendes medizinisches Versorgungssystem auf. Gerade Frauen in Armut sind von ungewollter Schwangerschaft und Gewalt um ein Vielfaches mehr betroffen als Frauen, die in relativem Wohlstand leben. So ist die Empfehlung an gebärfähige Frauen seitens vieler lateinamerikanischer Regierungen angesichts des Zika-Virus nicht nur ein Eingriff in deren reproduktive Rechte, sondern auch vielmehr eine biopolitische Farce: Wer keinen Zugang zu (bezahlbaren) Verhütungsmitteln hat, nicht aufgeklärt worden ist und – dies nicht selten – sexueller Gewalt ausgesetzt ist (auch oder gerade in Beziehungen oder Ehen), dem erscheint diese staatliche Empfehlung nicht nur absurd, sondern er_sie wird in den meisten Fällen auch nicht darüber Bescheid wissen, welches seine_ihre tatsächlichen Rechte und Möglichkeiten sind, Sexualität selbstbestimmt zu leben. Dazu gehört natürlich auch der Zugang zu Möglichkeiten eines Schwangerschaftsabbruchs und dessen rechtliche Rahmenbedingungen.

Abtreibungen auf der Basis medizinischer, individueller oder sog. „embryopathischer“ Indikatoren (in Lateinamerika als „aborto terapéutico“ bekannt) sind beispielsweise in den von Zika besonders betroffenen Ländern wie Honduras, El Salvador oder Nicaragua strikt verboten und werden strafrechtlich verfolgt – Opfer sind die Frauen, nicht die Mücken und nicht das repressive biopolitische Regime, das ihren Körper bestimmt. Aber auch in Brasilien oder Paraguay lassen es die Gesetze nicht zu, Abtreibungen außer im Falle einer Vergewaltigung vorzunehmen. Die Rate der illegal und clandestin vorgenommenen Abtreibungen ist extrem hoch, es kursieren Gerüchte um vielerlei gefährliche Praktiken, eine Schwangerschaft ohne medizinische Grundlage zu beenden, sei es durch Kräuter, Stricknadeln oder Gifte, und es gibt regelmäßige Fälle von Frauen, die aufgrund einer clandestin vorgenommenen Abtreibung sterben oder gar, wenn sie ins Krankenhaus eingeliefert werden, danach ins Gefängnis kommen. International Planned Parenthood Federation (IPPF) macht deshalb völlig zurecht momentan darauf aufmerksam, dass eine Eindämmung der Zika-Infektionen in Lateinamerika und der Karibik nicht ohne breit angelegte Aufklärungskampagnen und eine Veränderung der Gesetzeslage zur Abtreibung möglich sein wird und weit über staatliche Empfehlungen hinaus gehen muss.

Und es hört beim Thema Schwangerschaft nicht auf: Nachdem nun klar ist, dass Zika auch durch Geschlechtsverkehr übertragen werden kann, könnten konservative Kräfte nun auf die Idee kommen, sexuelle Enthaltsamkeit als Staatsräson zu verkaufen, um sich dem seit Jahren brodelnden Diskurs um sexuelle Selbstbestimmung zumindest rhetorisch zu entziehen. Queerfeministische Initiativen wie Cuds Chile, die Aktivist_innengruppe Feminismo Radical oder auch die Autor_innengruppe um die Agenda Kuir proklamieren in diesem Zusammenhang mit regelmäßigen Protestmärschen, Kunstaktionen und politischen Happenings die Neuformulierung oder Nachjustierung der Gesetzgebung und der institutionellen Praktiken hinsichtlich (zumeist noch aus der Zeit der lateinamerikanischen Diktaturen stammender) Auffassungen von Partnerschaft, Sexualität und Reproduktion (s. Bild oben).

Es wird also durch oder auch dank des Zika-Virus auch darum gehen, wie Lateinamerika weiterhin mit diesem Themenkomplex umgehen wird und inwiefern die konservativen Kräfte in den jeweiligen Ländern sich dazu positionieren und ob die zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen eine Stimme in diesem Diskurs erhalten. Nur davor zu warnen, nicht schwanger zu werden und im Falle einer ungeplanten, ungewollten und möglicherweise minderjährigen Schwangerschaft keine medizinische Versorgung zu leisten und dann womöglich auch in einem großen Gestus die Annahme eines schwerbehinderten Kindes als ‚gottgewollt‘ zu deklarieren, aber auch keine Infrastruktur für Menschen mit Behinderung zur Verfügung zu stellen, erscheint liberalen Europäer_innen an so vielen Schnittstellen derart paradox – und muss zugleich in einem größeren lateinamerikanischen Kontext als absolut logisch verstanden werden. Wo Staaten zwischen langjährigen Diktaturen, jungen Republiken und gnadenlosem Neoliberalismus, zwischen Exportabhängigkeiten und Versuchen sozialistischer Umwälzung, zwischen Kirche und Kapitalismus versuchen, Reproduktionsrechte zu beeinflussen oder einzuschränken, dort wird es auch möglicherweise keinen Platz für jene geben, die nichts dafür können, mit einer Behinderung auf die Welt gekommen zu sein und nun ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in vielerlei Hinsicht einfordern.

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2 Gedanken zu “Zika: Frauengesundheit und sexuelle Selbstbestimmung in Lateinamerika

  1. Du hast schon recht, dass es ein gesellschaftliches bzw. gesetzgebendes Problem darstellt. Dennoch glaube ich, dass selbst die besten Aufklärungskampagnen nur schwer die entlegenen Bergdörfer erreichen können …
    Bereits bei Ebola konnte man erkennen, dass alleine durch unsere Vernetzung und medizinische Versorgungsqualität unser Europa ganz andere Voraussetzungen mitbringt.

    • Aus 12 Jahren Lateinamerikaerfahrung inkl. Bergdörfern stimme ich dir dahingehend zu, dass wir es mit einer anderen Infrastruktur zu tun haben als in Europa, klar. Nichtsdestotrotz geht es mir mit diesem Artikel vielmehr um die Bewusstwerdung über tiefer greifende (gesundheits-)politische Probleme, die auch langfristig die ruralen Gebiete und die Frauen, die dort leben, betreffen würden. Politische Diskurse auf urbane Zonen zu beschränken oder sie aufgrund der schwierigen Infrastruktur komplett stillzulegen, wäre ja auch nicht zielführend 😉

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