Was bleibt vom Verschwinden.

Letzte Woche war ich, nachdem ich es mir lange schon vorgenommen hatte, im Museo de la Memoria y los Derechos Humanos in Santiago de Chile. Die Architektur des 2010 eröffneten Museums ist imposant und still zugleich – und bietet dem schrecklichsten und dunkelsten Kapitel der chilenischen Geschichte den Raum, den es braucht, um das zu erzählen, was sich kaum erzählen lässt: Die Menschenrechtsverletzungen, die Folter, die Morde der chilenischen Militärdiktatur unter Augusto Pinochet von 1973 bis 1990.

Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht mit diesem Thema konfrontiert fühle, es vergeht kein Tag, an dem ich keiner Erzählung begegne, sei es im Gespräch, sei es als Fotografie, sei es in Form eines Denkmals, die auf irgendeine Art und Weise darauf verweist, was nicht mehr da ist: Die unaussprechliche Zahl an Verschwundenen. An Töchtern und Söhnen, an Vätern und Müttern. Und deshalb sage ich es gleich: Dies ist kein Text einer Wissenschaftlerin. Keine Reflexion auf akademischem Niveau, die möglichst mit vielen Fakten und Zahlen auftrumpft. Es ist vielmehr ein Bekenntnis zu meiner eigenen Hilflosigkeit und Ohnmacht, von der ich mir manchmal wünsche, sie hätte mich angesichts des Grauens von Auschwitz ergriffen statt sich hinter den endlosen Nazi-TV-Orgien im Geschichtsunterricht zu verstecken, die versucht haben, alles zu objektivieren.

Ich gehe also durch die Ausstellung. Sie beginnt im Erdgeschoss mit einer Installation von Amnesty International, die alle Länder dieser Erde zeigt, in denen Aufklärungsgremien wegen der Verletzung von Menschenrechten im späten 20. Jahrhundert eingerichtet wurden. Ich gehe daran vorbei, mir fällt nur auf, dass neben zahllosen Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ auch die DDR auftaucht. Im Treppenaufgang in den ersten Stock wird über eine Audio-Anlage das Schreien, die Schüsse, die Proteste von 1973 eingespielt, als am 11. September Präsident Salvador Allende gestürzt wurde und ein von General Pinochet angeführtes Militärregime eingerichtet wurde, das am Längsten von allen lateinamerikanischen Diktaturen bestehen sollte. Die Schreie werden lauter, als ich im 1. Stock ankomme. Auf einem dreiteiligen Screen werden chronologisch die Geschehnisse vom 11.9.73 gezeigt, auf kleineren Screens Zeugenaussagen und die letzte Ansprache, die Allende über das Radio an sein Volk richtet:

„Trabajadores de mi Patria, tengo fe en Chile y su destino. Superarán otros hombres este momento gris y amargo en el que la traición pretende imponerse. Sigan ustedes sabiendo que, mucho más temprano que tarde, de nuevo se abrirán las grandes alamedas por donde pase el hombre libre, para construir una sociedad mejor.¡Viva Chile! ¡Viva el pueblo! ¡Vivan los trabajadores! Estas son mis últimas palabras y tengo la certeza de que mi sacrificio no será en vano, tengo la certeza de que, por lo menos, será una lección moral que castigará la felonía, la cobardía y la traición.“

„Arbeiter meines Vaterlandes! Ich glaube an Chile und sein Schicksal. Es werden andere Menschen folgen. In diesen düsteren und bitteren Augenblicken, in denen sich der Verrat durchsetzt, sollt ihr wissen, dass sich früher oder später, sehr bald, erneut die großen Straßen auftun werden, auf denen der würdige Mensch dem Aufbau einer besseren Gesellschaft entgegengeht. Es lebe Chile! Es lebe das Volk! Es leben die Arbeiter! Das sind meine letzten Worte, und ich habe die Gewissheit, dass mein Opfer nicht vergeblich sein wird. Ich habe die Gewissheit, dass es zumindest eine moralische Lektion sein wird, die den Treuebruch, die Feigheit und den Verrat verurteilt.“

Allende nimmt sich nach dieser letzten Rede das Leben.

Ich gehe weiter, gehe durch die hellen Gänge und die dunklen Räume, gehe chronologisch den Weg ab, den die Diktatur genommen hat: Die Schilderungen von Verhaftungen und Folter, von jahrelangen Ausgangssperren, von der Abschaffung der Grund- und Menschenrechte. Die Toten. Die Lebenden. Die Exilierten. Die, die übrig bleiben: Ein Raum des Museums ist nur den Zeichnungen und Schilderungen von Kindern gewidmet, die schreckliche Dinge sehen und erleben mussten. Die bunten Bilder, mit Buntstiften gemalt – sie zeigen Erschießungen, Folter von Familienangehörigen und viele, viele Tränen.

Im zweiten Stock des Museums geht die Ausstellung weiter – und die Gänge mit Zeugnissen der Diktatur scheinen nicht aufzuhören. Am Ende bleibt ein Raum; er ist dem Ende der Diktatur gewidmet: Auf einem Bildschirm laufen die Werbeclips zum Referendum von 1988, die mir aus dem Film „No!“ von 2012/13 bekannt waren. „Chile! La alegría ya viene!“ singt man. Chile, die Freude ist nah!

Und ich weine.

Nicht aus Trauer, nicht aus Mitleid, nicht aus Freude, dass „alles nochmal gut gegangen ist“.

Ich weine, weil ich das Chile von heute sehe. Weil ich sehe, jeden Tag, dass der Traum Allendes nur bedingt wahr geworden ist. Weil Chile zwar den Diktator losgeworden ist, aber die neoliberale Einstellung Pinochets behalten hat und die soziale Ungleichheit groß, Bildung und Gesundheit aber unerschwinglich sind. Weil es immer noch Menschen hier gibt wie den Großvater meines Mitbewohners, der sagt, dass man ruhig noch ein paar Kommunisten mehr hätte erschießen sollen. Weil es Menschen gibt, die dem Museum unterstellen, nur eine Seite der Geschichte zu zeigen – und nun die Anhänger Pinochets ein „Museum der Wahrheit“ bauen wollen.

Die „Wahrheit“, die mir das Museum gezeigt hat, ist simpel: Wer den Verschwundenen, den Toten, den Verscharrten das Recht abspricht, an einem Ort an sie zu erinnern, der lässt sie ein zweites Mal verschwinden.

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