Abi 2003. 14 Jahre später. Still lovin‘ feminism.

Vor 14 Jahren habe ich Abitur an einem Kleinstadtgymnasium im Schwarzwald gemacht. 14 Jahre – das ist ein Jahr mehr als ich zur Schule gegangen bin, und auch wenn sich das Abi so verdammt weit weg anfühlt, so hat bei mir die erneute Lektüre meiner Abi-Zeitung so einige Emotionen und Reflexionen ausgelöst, die eine Brücke schlagen zwischen meinem 19-jährigen Ich und meinem heutigen, 33-jährigen Ich. Wer war ich, wer wollte ich sein, wie haben mich meine Mitschüler_innen gesehen – und wer bin ich heute?

engagiert

Für die Abizeitung wurde eine umfangreiche Umfrage unter allen Schüler_innen der Abschlussklasse durchgeführt, im Rahmen derer Mitschüler_innen für bestimmte Kategorien vorschlagen werden konnten. Darunter befinden sich Kategorien wie „Originellste Lache“ oder „Häufigste_r Blaumacher_in“, die sich auf die Zuschreibung von Verhaltensweisen beziehen, oder auch „Knackarsch“ oder „Beste Frisur“, die auf Körpermerkmale referieren, aber auch „Schnorrer“ oder „Streber_in“, die den Abiturient_innen bestimmte Labels verpassen, die ihren Charakter oder ihre politische Einstellung kennzeichnen. Ich erinnere mich, dass mich meine Positionierungen innerhalb dieses Rankings damals teilweise sehr getroffen haben, da ich das Gefühl hatte, nicht so wahrgenommen zu werden, wie ich mich selbst wahrnahm. Natürlich, auf Platz 1 mit 75,4% der engagiertesten weiblichen Abiturientinnen zu landen – das hatte ich irgendwie erwartet. Ich war Schülersprecherin, Organisatorin des Abifestes, vorne dabei in Sachen Abiball, war im Chor, in der Theater-AG und überhaupt sehr präsent, wenn es etwas zu tun gab. Anerkennung gab es selten – nun aber in der Abizeitung durch den 1. Rang. Glückwunsch. Dazu passte, dass ich auf Rang 3 bei „wird mal berühmt“ landete – und dass Platz 1 von einer tollen Mitschülerin belegt wurde, die heute wirklich als Opernsängerin um die Welt reist.

Emanze

Scheidung

Die Kombination dreier anderer Kategorien sagt aber vermutlich mehr über das Umfeld aus, in dem ich aufgewachsen bin, als über mich: Mit großem Abstand wurde ich zur „Emanze“ des Jahrgangs gewählt (57,2%), wurde gemeinsam mit einer Mitschülerin zur „größten Zicke des Jahrgangs“ (23,5%) erkoren und landete auf Platz 3 in der Kategorie „lässt sich als erstes wieder scheiden“ (13,6%). Mit 19 war ich über diese Platzierungen sehr erbost – mit 33 kann ich sagen: Oh yes, I’m still lovin‘ feminism und habe immer noch eine differenzierte Meinung zum Thema Ehe als zivilrechtliche Konstruktion, die ich auch gerne ungefragt teile. Was aber hinter diesen und weiteren Kategorien steckt, ist das Gesellschaftsbild einer weitestgehend weißen, heterosexuellen, heteronormativen und behütet aufgewachsenen Abiturklasse aus dem Nordschwarzwald, deren Mitglieder in den 1980er und 1990er Jahren in relativem Wohlstand groß geworden sind und für die Fragen von Migration und Flucht spätestens mit der sozialen Lotterie nach der Grundschule nicht mehr auf dem Tableau standen. Mich zur Emanze Nr. 1, zur größten Zicke und überdies zu einer weiblichen Person zu küren, die es nicht lange in Beziehungen auszuhalten scheint, die engagiert und determiniert ist, ergibt in der Verknüpfung ein interessantes Frauenbild, das seine konservative Einfärbung kaum leugnen kann: Bist du als Frau erfolgreich, klug und politisch parteiergreifend für feministische Solidarität, dann kann dies nur bedeuten, dass du in der heterosexuellen Welt auf geringe partnerschaftliche Resonanz stößt.

Zicke

Noch interessanter ist die männliche Kategorie, die der „Emanze“ gleichgesetzt wurde: der Macho. In diese Kategorie hatten es damals drei sehr liebenswerte Mitschüler geschafft, die auch in anderen positiv konnotierten Kategorien ganz oben dabei sind, und ich sage deshalb „positiv konnotiert“, weil sie ebenso ein spannendes Männerbild ergeben, denn: Der will doch nur spielen, der ist harmlos. Und ich selbst ertappe mich bei dieser Verharmlosung, weil ich mit Blick auf die 19-jährigen Machos heute mit 33 sagen muss: Ja, die wollten vermutlich wirklich nur spielen, haben damit aber wenig (ebenso wie einige Lehrer) zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen im schulischen Diskurs beigetragen, was sich auch bei der weiteren Durchsicht der Sprüche-Seiten in der Abizeitung zu bestätigen scheint (#sexismus).

Sexismus2

Teilweise kann ich heute in Erinnerung an die Schulzeit auch darüber schmunzeln, weil mich die Nostalgie ergreift und viele Sprüche ohne das Bewusstsein über die politische Implikation gerissen wurden – aber sind nicht genau das die Strategien, die ich heute mit Hashtags versehe und online wie offline anprangere?

Sexismus3

Nichtsdestotrotz: Wir waren jung, wir wollten die Welt erobern – oder zumindest zum BWL-Studium nach Tübingen oder Karlsruhe ziehen. Aber was von diesen gegenseitigen Eindrücken und Zuschreibungen aus der Abiturzeit ist noch übrig?

Sexismus4

Nachdem auch ich nach einem Jahr in Bolivien zum Studium nach Baden-Württemberg zurückgekehrt war und meinen Fluchtreflex aus der Provinz mit Auslandspraktika, Auslandssemestern, der Jugendverbandsarbeit, vielen Reisen und breitem Engagement zu zügeln versuchte, lebe ich nun seit ein paar Jahren in Berlin. Wer mit mir auf Facebook befreundet ist, sieht, dass ich nach wie vor viel unterwegs bin und neben Lehraufträgen, Jobs und Reisen auch sonst so alles an Events mitnehme, was die Hauptstadt und Europa zu bieten haben. Kehre ich jedoch in meine Heimatstadt zurück, dann bewegen sich die Fragen einiger meiner Mitschüler_innen von früher auf der Ebene zwischen „Du kommst ja viel rum. Ich könnte das nicht. Mir gefällt es hier.“ [1] über „Hast du nicht irgendwann auch genug von der Großstadt?“ [2] bis hin zur sehr vorsichtigen Frage „Hast du eigentlich einen Freund… oder eine Freundin?“ [3]. Immerhin: Die Kunde von meiner sozialen Unangepasstheit ist in der Heimat angekommen. Nur dass sie nach wie vor auf falschen Prämissen aufbaut. Denn für einige jener, die mich zur größten Emanze des Jahrgangs gewählt haben, impliziert dies auch meine sexuelle Orientierung und dies wiederum bildet überhaupt die Bedingung, erfolgreich, engagiert und viel unterwegs zu sein. Sonst wäre ich ja „seßhaft“ (= mit einem (weißen) Mann verheiratet, mehrfache Mutter, daheim). Mein Bild von mir ist auch heute noch anders und gefühlt hat sich das seit 2003 wenig geändert.

Aber: Ist mein Bild von meinen ehemaligen Mitschüler_innen auch noch aktuell? Und was kriege ich von denen überhaupt mit? Was wussten wir wirklich voneinander und wo stehen wir jetzt? Kommendes Jahr begehen wir theoretisch das 15. Jubiläum unserer „Reifeprüfung“. Ist es nicht seltsam, dass sich auch 2018 vermutlich noch zwei 19-Jährige gegenüber stehen werden und nicht zwei 34-Jährige, die zugeben können, dass zwischen ihren euphorischen Facebook-Postings so einiges passiert ist, das weder ins Netz noch in eine Abizeitung passen würde?

 

[1] Man höre die vorwurfsvollen Zwischentöne, mir würde es im schönen Schwarzwald wohl nicht gefallen. Schwarzwaldliebe ❤

[2] Ich habe 15 Jahre in Freudenstadt gelebt, eine Kleinstadt mit 22.000 Einwohner_innen, ich habe 11 Jahre in Konstanz gelebt, eine Grenzstadt mit 80.000 Einwohner_innen – macht zusammen 26 Jahre Kleinstadtliebe ❤

[3] Ich gebe zu: Ich freue mich über so viel Offenheit der Fragenden. Das wäre vor 14 Jahren anders gewesen. Regenbogenliebe ❤

 

Das Schweigen der Täter: „El pacto de Adriana“

Die 67. Berlinale, Sektion „Panorama“, im großen Cinemaxx-Saal: Der Abspann läuft, das Licht geht an, das Publikum applaudiert. Die Regisseurin und ihr Team stellen sich den Fragen des Publikums, verzögert durch Übersetzungsschleifen, doch kaum jemand verlässt den Kinosaal. „Die letzte Frage, bitte!“. Eine junge Frau meldet sich, steht auf. Mit tränenerstickter Stimme entschuldigt sie sich dafür, dass sie während des Films den Kinosaal verlassen hat. Sie sei die Tochter chilenischer Folteropfer der Pinochet-Diktatur und im Exil in Schweden aufgewachsen und möchte sich bei der Filmemacherin für ihr Werk bedanken: „Du bist die Nichte einer Täterin, ich die Tochter eines Opfers. Aber wir haben eine andere Zukunft als noch unsere Eltern. Dass wir das hier miteinander teilen können, macht mich glücklich und stolz.“ (frei übersetzt).

„El pacto de Adriana“ der 1987 geborenen Chilenin Lissette Orozco lässt sich einer Reihe von chilenischen Dokumentarfilmen der letzten Jahre zuordnen, in denen Töchter, Söhne, Enkel, Nichten und Neffen jener, die die Pinochet-Diktatur der 70er und 80er überlebt oder eben auch nicht überlebt haben, versuchen, sich der Rolle der eigenen Familie in dieser Zeit filmisch anzunähern (2015 gewann zum Beispiel „Allende mi abuelo Allende“ in Cannes als „bester Dokumentarfilm“). Orozcos Langfilmdebüt erzählt ihre eigene Geschichte. Die Geschichte einer jungen Frau, die von einem auf den anderen Tag herausfindet, dass ihre Lieblingstante Adriana, kurz „Chany“, nicht nur die persönliche und weitestgehend ahnungslose Sekretärin des Leiters des chilenischen Geheimdienstes Manuel Contreras war, sondern selbst einer der weiblichen Folterknechte, der unzählige Männer und Frauen im Namen der DINA (Dirección de Inteligencia Nacional) zum Opfer fielen. Chany, die seit 1978 in Australien lebt, wird überraschend bei einem Familienbesuch in Chile 2007 verhaftet, zum Entsetzen ihrer Familie und zum Entsetzen ihrer Nichte Lissette, die sie über alles liebt. Nichtsdestotrotz folgt Lissette ihrem Instinkt und beginnt, ihre Tante zu interviewen und zu filmen, auch als diese 2011 zurück nach Australien flieht und sich damit dem Zugriff der chilenischen Justizbehörden entzieht. Lissette begibt sich auf die Spuren ihrer Tante, die ihr nahezu täglich per Skype und tränenreich schwört, nichts mit der ganzen Sache zu tun zu haben, niemals auch nur in der Nähe eines Gefangenen oder eines Gefolterten gewesen zu sein, aber auch nicht verheimlicht, dass aus ihrer Sicht Folter die einzige Methode ist, den „Kommunisten“ die Wahrheit zu entlocken, sie zu brechen und gleichsam Lissette dazu auffordert, alte Kameradinnen der DINA von früher aufzusuchen und unter Druck zu setzen. Je größere Kreise die öffentliche Aufmerksamkeit für Chany und ihre geforderte Auslieferung nach Chile zieht, desto eindringlicher werden ihre Schwüre, keine Täterin gewesen zu sein. Und desto heftiger manipuliert sie ihre Nicht Lissette, die als „ihr eigen Fleisch und Blut“ ihr nicht mehr glauben kann.

Der Dokumentarfilm hinterlässt deshalb bei den im Kinosaal anwesenden Chileninnen und Chilenen (und auch bei mir, die ich immer wieder in Chile lebe und arbeite) einen besonders bitteren Nachgeschmack, weil er eine wesentliche Problematik der heutigen Gesellschaft jenseits der Anden behandelt: Täter und Opfer der Pinochet-Diktatur (1973-1990) leben oftmals Tür an Tür, Angehörige von Verschwundenen sind immer noch auf der Suche nach den sterblichen Überresten ihrer Töchter und Söhne, und die politische Rechte diskutiert darüber, dem „Museo de la Memoria“, das den Opfern gedenkt, ein „Wahrheitsmuseum“ gegenüberzustellen, das die Geschehnisse relativieren soll (ich habe bereits 2013 dazu ausführlich gebloggt). Dies zeigt sich eindrücklich in einer Szene in „El pacto de Adriana“, als die Regisseurin eine Veranstaltung besucht, in der Anhänger des Diktators den toten Despoten frenetisch feiern und die Toten als „kommunistische Arschlöcher“ verhöhnen, und dies nicht etwa heimlich, sondern mitten in der Fußgängerzone von Santiago sowie dem berühmten Theater Caupolicán im Süden der chilenischen Hauptstadt. In den Familien der Täter wird die grausame Vergangenheit ihrer Mitglieder weitestgehend ignoriert, der „Pakt des Schweigens“, dem sich auch Lissetes Tante Chany bedingungslos unterzuordnen scheint, hält bis heute an und verhindert an vielen Stellen auch deshalb eine Aufarbeitung der Diktatur, weil die Täter von früher kaum juristische Konsequenzen zu fürchten haben, solange sie sich ausschweigen und sich gegenseitig nicht belasten.

Orozcos Leistung ist deshalb so beachtlich, weil sie sich selbst als Filmemacherin und als Angehörige zur Diskussion stellt: Wie damit umgehen, dass ein Mensch, den man zu kennen schien und den man liebt und bewundert, eine Vergangenheit verschweigt, die zu den grausamsten Epochen lateinamerikanischer Geschichte gehört? Wann ist sie die Nichte, die sich von ihrer Tante manipulieren lässt, wann die kritische und wahrheitsliebende Regisseurin, die sie selbst sein möchte? Dass sie ihr eigenes Schweigen bricht und damit auch ihre gute Beziehung zu Chany aufs Spiel setzt, zeugt nicht nur von Mut, sondern vielmehr von einer filmischen als auch politischen Notwendigkeit: Solange die Täter noch leben und sich in Schweigen hüllen, muss der Film und das Filmische sie zum Reden bringen, muss sichtbar machen, was sonst unsichtbar und unaussprechlich bleiben würde, müssen junge Menschen in Chile miteinander in Dialog treten, schreien und weinen und sich vielleicht versöhnen. Als Söhne und Töchter, als Nichten und Neffen, als Enkel von Tätern und Opfern. Als Söhne und Töchter einer jungen Demokratie, die gemeinsam an etwas erinnern, das nicht mehr passieren darf.

 

„Das ist schon echter Fortschritt so“. Eine Kritik am Clip „Die neue Nähe“ der Aktion Mensch.

Meine Facebook-Timeline jubiliert: „Total schön!“ – „So süß!“ – „Kinder wissen halt noch nicht, was Behinderung ist!“ Und alle teilen sie euphorisch das neue Werbevideo der Aktion Mensch, das in einem „ganz natürlichen Studio-Setting“ (*hüstel*) Kinder mit körperbehinderten Menschen und ihren technischen Alltagshilfen, ihren Prothesen, Roboterarmen oder Sprachcomputern zusammenbringt. Unterlegt mit leichtfüßiger Musik begrüßen sie sich, die nicht-behinderten, weißen Kinder lernen die Tools ihrer Gesprächspartner_innen kennen, staunen, stellen Fragen, zeigen wenig Scheu – so weit, so gut, so niedlich, so unverblümt. Eine „neue“ Nähe eben.

Das Werbevideo der Aktion Mensch reiht sich ein in eine noch nicht alte Tradition von Werbeclips von Nichtregierungsorganisationen, die mit „echten Menschen“, großer Emotion und hipper Musik auf ein politisches Anliegen aufmerksam machen möchten. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden, denn die Zeiten der hungrig und bemitleidenswert in die Kamera starrenden Kinder aus der Sahel-Zone scheinen vorbei zu sein bzw. das Motiv ist nicht mehr ‚attraktiv‘ genug, um Spenden zu sammeln. Die Problematik entfaltet sich aber für Disability Rights Activists (dt. „Behindertenrechtsaktivisten“) und damit auch für die Disability Studies, in denen ich mich wissenschaftlich bewege, nicht in erster Linie an der Emotionalität des Videos, sondern an der Wiederholung eines höchst kritischen Paradigmas: dem medizinischen Modell von Behinderung. Dieser Erklärungsversuch von Behinderung geht davon aus, dass Behinderung ein individuelles Problem ist, das durch Vererbung, durch einen Unfall oder Krankheit hervorgebracht wurde und „als tragischer Defekt, als defizitäre Abweichung eines einer Minderheit angehörenden Individuums“[1] betrachtet werden muss. Die körperliche Schädigung alleine wird hier mit ‚Behinderung‘ gleichgesetzt, während gesellschaftliche Faktoren oder die sächliche Umwelt noch keine Rolle für die Abweichung vom Normalzustand spielen (das wird erst im sozialen Modell berücksichtigt). Gelöst werden könne das ‚Problem‘ Behinderung durch medizinisch-therapeutische Maßnahmen, durch die das zur Heilung und Genesung bereite Individuum wieder in die ‚Normalgesellschaft‘ integriert werden kann.[2] Und hier liegt auch der Hase im Pfeffer des Clips der Aktion Mensch: So wichtig, so gut, so lebensnotwendig die technischen Tools, die Blades, die Apps sind, so sehr weisen sie erstens doch darauf hin, dass das Problem nicht bei einer nicht-inklusiven Gesellschaft liegt, sondern beim Menschen mit Behinderung selbst, der sich einer wie auch immer gearteten Normalität damit anpassen soll, die aber in der Regel von nicht-behinderten Menschen hergestellt wird.

Zweitens wird hier immer noch eine Differenz suggeriert, die ästhetisch und inszenatorisch darüber hergestellt wird, dass es sich um die Annäherung von zwei Menschen dreht, bei denen die eine dem Starren der anderen Person ausgesetzt ist. Die Präsentation vor einem weißen Hintergrund, die Exponiertheit der Tools und das Erproben ihrer Alltagstauglichkeit an den Maßstäben der Nicht-Behinderten (beim Stacking, beim Tanzen, beim Schimpfen) mit Kommentaren des Regisseurs aus dem Off suggerieren, dass die Kinder über bestimmte Kompetenzen oder Lebensweltbezüge verfügen, in denen sich nicht-behinderte Menschen erst unter Beweis stellen müssen oder gar noch besser darin sind. In den Disability Studies wird dies häufig als Produktion eines „super crip“, eines wortwörtlichen „Superkrüppels“, bezeichnet, der immer besser sein muss als alle anderen, sich und seine Behinderung überwindet und sie damit zu tarnen neigt.[3]

Drittens: Ein weiteres, ganz unwissenschaftliches Problem entfaltet sich am thematischen Fokus des Clips: Diese Geräte, wie sie hier vorgeführt werden, sind sehr teuer, werden selten von Krankenkassen bezahlt und sind so auch nur einem kleinen Teil jener Menschen vorbehalten, deren Alltag und deren soziale Interaktion bisweilen beschwerlich bis unmöglich ist. Sie sind Luxusprodukte der Zukunft und gaukeln hier einen technologischen Fortschritt vor, der noch längst nicht allen Menschen mit Behinderung zur Verfügung steht. Hier gewinnt nicht das „wir“ (mit diesem Slogan wirbt die Aktion Mensch), sondern zunächst ein „die, die es sich leisten können“. Solange der Bundestag noch darüber debattiert, ob Menschen mit Behinderung eigenes Erspartes haben dürfen, im Falle dass sie Assistenz benötigen, kann von einer Herstellung von Normalität noch gar nicht die Rede sein. Was die Aktion Mensch hier (audiovisuell und ästhetisch durchaus sehr gekonnt!) ins Bild setzt, ist nicht die Realität behinderter Menschen in Deutschland. Eine Einblendung am Ende des Clips beschwört: „Jede neue Idee kann uns näher bringen.“ Die Frage ist nur, wohin wir dann gemeinsam weitergehen und wer über die Richtung entscheidet.

[1] RENGGLI, Cornelia: Disability Studies – ein historischer Überblick. In: DIES./WEISSER, Jan (Hrsg.): Disability Studies. Ein Lesebuch. Luzern: Ed. SZH/CSPS 2004, S. 15-26, hier S. 16.

[2] Vgl. WALDSCHMIDT, Anne: Disability Studies: individuelles, soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung?, in: Psychologie und Gesellschaftskritik 29 (1) 2005b, S. 9-31, hier S. 17.

[3] GREBE, Anna/OCHSNER, Beate: Vom Supercrip zum Superhuman oder: Figuration der Überwindung. In: kritische berichte 41 (1) 2013b, S. 47-60.

Postscriptum: Technologischer Fortschritt ist wichtig für gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe. Hier soll nicht der Eindruck entstehen, ich würde dies ablehnen, im Gegenteil. Ich möchte hier zumindest anmerken, dass vor der großen Technik-Euphorie noch ein paar andere Angelegenheiten geklärt werden müssten, mit denen sich die Disability-Forschung hoffentlich nicht vergeblich beschäftigt.

„Fasnet hat man im Blut.“ – „Ja, das befürchte ich auch.“

Am Donnerstag – an Weiberfasnacht bzw. am „Schmotzigen Dunschtig“ – habe ich mit meiner Mutter telefoniert. Zum Ende des Gesprächs empfahl sie mir eine Doku in der arte-Mediathek über die Villinger Fasnet mit dem Satz „Irgendwie gehört das ja auch zu dir.“

Es ist schon komisch: Jedes Jahr um die Fasnetszeit (Fasnet = schwäbisch-alemannisch-katholisch für die „5. Jahreszeit“ zwischen Dreikönig und Aschermittwoch) kämpfe ich mit mir, wie ich diese ganze Veranstaltung nun finden soll und ob sie wirklich Teil dessen ist, was man ‚kulturelle Identität‘ nennt. In den letzten Jahren bin ich hin und wieder bei der Konstanzer Gassenfasnet gewesen, habe schlechten Wein aus Plastikbechern getrunken und, um mir nicht die Füße abzufrieren, zu jeder Guggenmusik in der Altstadt kräftig geschunkelt. Das gehörte insofern zu mir, als alle meine Freund_innen da waren und kräftig mitgetrunken und mitgeschunkelt haben.

Nun lebe ich in Berlin, und, Verzeihung, dies ist definitiv die Stadt der Karnevalshasser, auch wenn es sich samstagnachts in Kreuzberg manchmal so anfühlt, als sei irgendwie immer Fasching hier. Sagt man, dass man Fasching nicht immer schlecht und durchweg ablehnenswert findet, lächeln gerade die zugezogenen Berliner müde und behaupten, das alles mit dem Umzug aus Stuttgart, Freiburg und Ulm hinter sich gelassen zu haben. Und dann sitze ich vor dem Rechner, klicke auf die Doku in der Mediathek, die ersten Töne erklingen – und ich bin ganz seltsam angerührt von etwas, das vielleicht doch mehr zu mir gehört als ich es wahrhaben will.

Meine Familie mütterlicherseits stammt aus Villingen im Schwarzwald und obwohl meine Großeltern und meine Mutter seit Mitte der 50er Jahre in Freudenstadt im Nordschwarzwald wohnen, spielte Villingen und vor allen Dingen die Fasnet immer eine große Rolle in unserem Familienleben. Meine Oma und mein Opa haben sich nach dem Krieg auf der Fasnet als Jugendliche kennengelernt, der lebenslustige Patenonkel meiner Mutter arbeitete noch im hohen Alter in der Faschingszeit in einer der vielen Beizen/Besenwirtschaften in der Villinger Altstadt, bei meinem Urgroßvater gab es stets am Rosenmontag Fettgebackenes um den Magen auszukleiden, im großelterlichen Flur hingen geschnitzte Narrenmasken ganzjährig an der Wand und meine Mutter spielte als ich klein war jedes Jahr am Rosenmontag um 8 Uhr morgens von einer knisternden Kassette den Villinger Narromarsch und bekam dabei feuchte Augen.

Mein Bruder und ich bei der Villinger Fasnet (1988)

Mein Bruder und ich bei der Villinger Fasnet (1988)

Dass in Villingen Fasching gefeiert wird ist zum ersten Mal im 15. Jahrhundert urkundlich erwähnt worden; zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde die „Narro-Zunft“ gegründet, wie sie bis heute das Bild der Villinger Fasnet weithin prägt. Sie besteht aus einem recht starren Figurenrepertoire, auf dessen originalgetreue intergenerationelle Weitergabe hinsichtlich der Kostüme und der Lieder und Sprüche sehr großen Wert gelegt wird, wie man auch in der arte-Doku sieht: Da ist der Narro, ein Weißnarr, der dick ausgestopft und elegant mit Fuchsschwanz, edlem Tuch und aristokratischer Halskrause, der die Menschen durch seine Holzmaske „strählt“, ihnen die Wahrheit ins Gesicht sagt und dabei schallend lacht. Sein armer Bruder, der „Wuescht„, besticht hingegen eher durch derbe Sprüche und abgewetzte Tracht – und hat mir früher als Kind Angst eingejagt. Alle Figuren sind mit der Stadt- und Regionalgeschichte verbunden und die Rituale, Praktiken und Abläufe der Fasnet scheinen sich auch nach 150 Jahren nicht verändert zu haben.

Aber ich habe mich verändert. Wollte ich als Kind noch um jeden Preis Teil der Villinger Fasnet und der Familienrituale sein und habe mich darauf gefreut, mit meiner Oma beim Umzug mitzulaufen, so befremdet mich das heute alles bisweilen sehr. Die unbeweglichen Traditionen, die zu großen Teilen auf Einheimische und damit weiße Menschen beschränkt sind; der immense Alkoholkonsum inklusive aller Verhaltensausfälle, die damit einhergehen; sexuelle Belästigungen, die mit dem kulturellen „Ausnahmezustand“ gerechtfertigt werden usw. Das alles habe ich zwar zugegebenermaßen auch bei dem fantastischen bolivianischen Karneval in Oruro so vorgefunden, erscheint aber spätestens 2016 in einem besonderen und besonders grellen Licht, als in Villingen am 29. Januar auf dem Gelände einer Unterkunft für Geflüchtete eine scharfe Handgranate gefunden wurde.  So viele aktuelle politische Diskurse treffen sich dieses Jahr in der 5. Jahreszeit, die eigentlich doch eher die Vertreibung der bösen Geister bedeuten sollte und nicht ihr erneutes Beschwören. Die absurden Diskussionen nach den Ereignissen von Köln in der Silvesternacht nicht nur darüber, ob Frauen „sicher“ vor sexualisierter Gewalt durch nicht-deutsche Männer seien, sondern vielmehr darüber, ob der Karneval jetzt noch „sicher“ sei (vor wem oder was auch immer), führen vor Augen, dass eine kritische Reflexion der eigenen „Tradition“ und ihrem Stellenwert im 21. Jahrhundert einer Scheindiskussion über das „die“ und „wir“ zum Opfer fällt. Hier wünsche ich mir den Villinger Narro, der durch seine dünne Holzmaske uns ins Gesicht sagt, uns strählt, dass wir uns alle nicht der Hysterie hingeben sollten, sondern spätestens am Aschermittwoch wieder in uns gehen sollten, um kluge Lösungen und Standpunkte für 2016 zu entwickeln, die mit Hass, Gewalt, Sexismus und Rassismus nichts zu tun haben. Denn sonst kann ich langfristig auch mit dem, was mich an der Fasnet und meinen Wurzeln darin anrührt, nichts mehr anfangen.

Meine Großeltern auf der Villinger Fasnet Ende der 1940er Jahre

Meine Großeltern auf der Villinger Fasnet Ende der 1940er Jahre

Zika: Frauengesundheit und sexuelle Selbstbestimmung in Lateinamerika

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(c) Eugenia Prado Bassi (facebook)

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat den weltweiten Gesundheitsnotstand ausgerufen, auf Spiegel Online werden bereits die „wichtigsten“ Fragen rund um das Zika-Virus geklärt (für wen eigentlich?) und lange vergessene oder nur in Zusammenhang mit der kulturellen Praxis der Freak Shows verwendete Bilder von Menschen mit Mikrozephalie erscheinen wieder in unserem visuellen Feld.

Doch das Thema, das hinter der europäischen Infektionsangst und der juristischen Möglichkeit von Reiserücktrittsversicherungen kaum zum Vorschein kommt, ist eines, das Frauenrechtler_innen seit Jahren und Jahrzehnten unter den Nägeln brennt (und mich persönlich 2013 zu meinem Habil-Projekt inspiriert hat): In vielen Ländern Lateinamerikas spielen Frauengesundheit, Aufklärung und das Recht auf sexuelle als auch medizinische Selbstbestimmung eine geringe Rolle – und die Verbreitung des Zika-Virus durch die Tigermücke könnte zum ersten Mal einen lateinamerikaweiten Anlass bieten, über diese Themen ernsthaft politisch zu diskutieren.

Bislang sind Zika-Fälle in fast allen mittel- und lateinamerikanischen Ländern registriert worden (Chile bildet hier bislang eine Ausnahme). Die meisten der Zika-betroffenen Länder sind jedoch weder besonders reich sind noch weisen sie ein flächendeckendes medizinisches Versorgungssystem auf. Gerade Frauen in Armut sind von ungewollter Schwangerschaft und Gewalt um ein Vielfaches mehr betroffen als Frauen, die in relativem Wohlstand leben. So ist die Empfehlung an gebärfähige Frauen seitens vieler lateinamerikanischer Regierungen angesichts des Zika-Virus nicht nur ein Eingriff in deren reproduktive Rechte, sondern auch vielmehr eine biopolitische Farce: Wer keinen Zugang zu (bezahlbaren) Verhütungsmitteln hat, nicht aufgeklärt worden ist und – dies nicht selten – sexueller Gewalt ausgesetzt ist (auch oder gerade in Beziehungen oder Ehen), dem erscheint diese staatliche Empfehlung nicht nur absurd, sondern er_sie wird in den meisten Fällen auch nicht darüber Bescheid wissen, welches seine_ihre tatsächlichen Rechte und Möglichkeiten sind, Sexualität selbstbestimmt zu leben. Dazu gehört natürlich auch der Zugang zu Möglichkeiten eines Schwangerschaftsabbruchs und dessen rechtliche Rahmenbedingungen.

Abtreibungen auf der Basis medizinischer, individueller oder sog. „embryopathischer“ Indikatoren (in Lateinamerika als „aborto terapéutico“ bekannt) sind beispielsweise in den von Zika besonders betroffenen Ländern wie Honduras, El Salvador oder Nicaragua strikt verboten und werden strafrechtlich verfolgt – Opfer sind die Frauen, nicht die Mücken und nicht das repressive biopolitische Regime, das ihren Körper bestimmt. Aber auch in Brasilien oder Paraguay lassen es die Gesetze nicht zu, Abtreibungen außer im Falle einer Vergewaltigung vorzunehmen. Die Rate der illegal und clandestin vorgenommenen Abtreibungen ist extrem hoch, es kursieren Gerüchte um vielerlei gefährliche Praktiken, eine Schwangerschaft ohne medizinische Grundlage zu beenden, sei es durch Kräuter, Stricknadeln oder Gifte, und es gibt regelmäßige Fälle von Frauen, die aufgrund einer clandestin vorgenommenen Abtreibung sterben oder gar, wenn sie ins Krankenhaus eingeliefert werden, danach ins Gefängnis kommen. International Planned Parenthood Federation (IPPF) macht deshalb völlig zurecht momentan darauf aufmerksam, dass eine Eindämmung der Zika-Infektionen in Lateinamerika und der Karibik nicht ohne breit angelegte Aufklärungskampagnen und eine Veränderung der Gesetzeslage zur Abtreibung möglich sein wird und weit über staatliche Empfehlungen hinaus gehen muss.

Und es hört beim Thema Schwangerschaft nicht auf: Nachdem nun klar ist, dass Zika auch durch Geschlechtsverkehr übertragen werden kann, könnten konservative Kräfte nun auf die Idee kommen, sexuelle Enthaltsamkeit als Staatsräson zu verkaufen, um sich dem seit Jahren brodelnden Diskurs um sexuelle Selbstbestimmung zumindest rhetorisch zu entziehen. Queerfeministische Initiativen wie Cuds Chile, die Aktivist_innengruppe Feminismo Radical oder auch die Autor_innengruppe um die Agenda Kuir proklamieren in diesem Zusammenhang mit regelmäßigen Protestmärschen, Kunstaktionen und politischen Happenings die Neuformulierung oder Nachjustierung der Gesetzgebung und der institutionellen Praktiken hinsichtlich (zumeist noch aus der Zeit der lateinamerikanischen Diktaturen stammender) Auffassungen von Partnerschaft, Sexualität und Reproduktion (s. Bild oben).

Es wird also durch oder auch dank des Zika-Virus auch darum gehen, wie Lateinamerika weiterhin mit diesem Themenkomplex umgehen wird und inwiefern die konservativen Kräfte in den jeweiligen Ländern sich dazu positionieren und ob die zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen eine Stimme in diesem Diskurs erhalten. Nur davor zu warnen, nicht schwanger zu werden und im Falle einer ungeplanten, ungewollten und möglicherweise minderjährigen Schwangerschaft keine medizinische Versorgung zu leisten und dann womöglich auch in einem großen Gestus die Annahme eines schwerbehinderten Kindes als ‚gottgewollt‘ zu deklarieren, aber auch keine Infrastruktur für Menschen mit Behinderung zur Verfügung zu stellen, erscheint liberalen Europäer_innen an so vielen Schnittstellen derart paradox – und muss zugleich in einem größeren lateinamerikanischen Kontext als absolut logisch verstanden werden. Wo Staaten zwischen langjährigen Diktaturen, jungen Republiken und gnadenlosem Neoliberalismus, zwischen Exportabhängigkeiten und Versuchen sozialistischer Umwälzung, zwischen Kirche und Kapitalismus versuchen, Reproduktionsrechte zu beeinflussen oder einzuschränken, dort wird es auch möglicherweise keinen Platz für jene geben, die nichts dafür können, mit einer Behinderung auf die Welt gekommen zu sein und nun ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in vielerlei Hinsicht einfordern.

10 for two. Ein Rant über Eiskonfekt.

Ja, kein Scherz. Nein, keine Langeweile. Dies ist ein kurzer Rant über Eiskonfekt.

Das Eiskonfekt von Nestlé Schöller heißt „10 for two“. Abgebildet auf der Packung sind ein Mann und eine Frau, die sich, von hinten gezeigt, in Kinosesseln aneinanderschmiegen. Links ist die Nährwertangabe abgebildet – aber nur für eine Portion von 5 Einheiten, also fünf Pralinen.

Liebe Hersteller, versteh‘ ich das also richtig: Dieses Eiskonfekt ist für heterosexuelle Paare, und auch nur für jene, die teilen, weil alles andere ja fett machen würde?

Und: Hast du mich gerade „fett“ genannt, weil ich alle 10 alleine gegessen habe? Schäm‘ dich.

Eiskonfekt

Die fremde Frau

Klara und ihre Familie, ca. 1933


Dies ist ein sehr persönlicher Text. Ich habe ihn am 20. Juli verfasst und zunächst unter Passwortschutz veröffentlicht und Feedback von meiner Familie und Freunde dazu eingeholt, bevor ich ihn freigeben konnte. Danke für eure ermutigenden Rückmeldungen. Was ich mit diesem Text erreichen will, ist kein Seelenstriptease, sind keine Anschuldigungen; ich möchte vielmehr auch andere dazu ermutigen, sich mit dem eigenen Familiensystem auseinander zu setzen und das innere ‚Fotoalbum‘ zu öffnen. Ein Literaturtipp dazu: „Wir Kinder der Kriegskinder“ von Anne-Ev Ustorf.

Meine Cousine hat geheiratet. Sie ist die Tochter der Schwester meines Vaters und lebt in Niedersachsen. Lange Zeit hatten wir keinen Kontakt und ich freue mich, dass wir dennoch nun gemeinsam diesen ganz besonderen Tag feiern können.

Hochzeit, das klingt nach Familienfeier. Nach Wiedersehen, nach gemeinsamen Geschichten, nach einem Blick nach vorne wie auch zurück. Nur dass ein Teil meiner engsten Verwandtschaft da ist, der mir fremd ist. So fremd, dass ich sie nicht als das ansprechen kann, was sie ist, sondern nur mit ihrem Vornamen: meine Großmutter, Klara.

Was ich über sie weiß: Klara wurde 1930 als eines von vielen Geschwistern in einem Dorf in der Nähe von Hildesheim geboren. Ihr Leben ist von Armut, Arbeit auf dem Hof und Gewalt durch ihre eigenen Eltern gezeichnet, als sie meinen Großvater kennen lernt und heiratet, mit ihm auf seinen Hof zieht und meinen Vater und seine Schwester zur Welt bringt. Die Gewalt, die sie selbst erfahren hat, die gibt sie weiter an meinen Vater, an ihren Mann, an meine Urgroßmutter Anna, nach der ich benannt wurde. Sie ist unbeliebt im Dorf, gängelt ihre Familie und auch heute noch eilt ihr nicht gerade ein liebevoller Ruf voraus.

Was ich von ihr weiß: Nichts.

Klara und ich, wir kennen uns nicht. Als ich Kind war, waren wir einmal im Jahr bei ihr und meinem inzwischen verstorbenen Großvater. Ich erinnere mich an wenig Herzliches. Die wenigen Male, die ich sie gesehen habe, als ich erwachsen wurde, spielen sich in der nach eingekochtem Kohl riechenden Küche ihres Hauses ab; sie fragt nicht, wie es mir geht, sie beginnt direkt davon zu erzählen, was in der Nachbarschaft los ist, wer den Hof verloren hat, wer wen verlassen hat usw. Das ist so weit verzeihlich, wenn man weiß, dass sich in ihrem Leben sonst nicht mehr viel zu ereignen scheint. Was ich ihr nicht verzeihe: Sie hat nicht nur meinem Vater ein schweres Leben gemacht, sondern mich selbst immer wieder zu der Frage gebracht: Was trage ich eigentlich von ihr in mir?

Was ich von ihr offensichtlich habe: ihre Oberarme. (Die Waden habe ich von meiner Familie mütterlicherseits, das ist geklärt. Und gottlob habe ich auch nicht die Hakennase der weiblichen Familienmitglieder aus ihrem Clan geerbt.)

Was ich hoffentlich nicht von ihr habe: ihr Desinteresse daran, wie es Menschen wirklich geht.

Vor dem Standesamt begegnen wir uns. Sie geht gebeugt und am Arm meines Cousins. Ich gebe ihr die Hand, sage „Hallo Klara!“. Sie sagt: „Nun, wer soll das wohl nun wieder sein?“ – „Ich bin es, Anna, deine Enkelin.“ – „Ach.“

Klara ist nicht dement. Sie ist auch nicht verwirrt, wie sich später auf der Feier noch herausstellen wird. Sie hat einfach kein Interesse an mir. Vermutlich noch nie gehabt. Das tut weh.

Ich gehe ins Standesamt. Innerlich koche ich vor Wut, auch darüber, dass ich ihr niemals sagen werden kann, wie oft ich darüber nachdenke, ob ich irgendetwas von ihr geerbt habe, irgendetwas in mir trage, was mich eines Tages so scheußlich machen könnte wie sie. Ob ich mehr bin als das Produkt meiner Gene und dessen, was meine beiden Familienstränge geprägt hat. Doch ich gehe weiter.

Zwei Tage später bei der großen kirchlichen Hochzeit werden wir immer noch nicht miteinander gesprochen haben. Als ich mich von der Familie des Mannes meiner Cousine verabschiede, stehe ich etwa einen halben Meter hinter ihrem Stuhl. Kurz denke ich darüber nach, ihr die Hand zu reichen und mich zu verabschieden. Ich schaue auf sie. Und gehe weiter.

Postscriptum

Nach einem Telefonat steht nun fest: Ich bin Klara nicht egal. Sie verachtet meine Familie und mich für alles, was wir sind. Das ist vielleicht weniger schlimm als Gleichgültigkeit, aber schmerzt mich mindestens genau so.

Nur eines weiß ich nun sicher: Ich bin nicht wie sie. Denn Hass und Verachtung haben in meinem Herzen keinen Platz.